
Wenn Kelly Wearstler über Flohmärkte in Paris oder Mailand streift, Galerien in New York durchstöbert oder Antiquitätenhändler und Vintage-Experten in ihren Geschäften besucht, dann findet sie die größten Schätze. Einen kleinen Coffeetable aus Travertin etwa, eine „Pipistrello“-Leuchte von Gae Aulenti oder einen Wandbehang von Sheila Hicks, der jetzt in ihrem Zuhause in Malibu hängt.
Kelly Wearstler gilt als unangefochtener Designstar der amerikanischen Westküste.
„Ich habe während meiner Reisen Hunderte einzigartiger Stücke gesammelt“, erzählt die Interior- und Möbeldesignerin. „Ich liebe es einfach, wenn ich ein ungewöhnliches Stück entdecke, das von der Geschichte eines Ortes erzählt.“ Müsste man sich festlegen, welcher Ort denn Wearstlers Geschichte erzählt, so wäre es Kalifornien: Santa Monica, Malibu und natürlich Los Angeles, wo ihr Design Office samt Lagerhalle für Vintage-Objekte seinen Sitz hat. „Bevor Kelly Wearstler auf der Bildfläche erschien, war das Interiordesign in den Vereinigten Staaten fest in New York verankert. Wearstler verschob das Gleichgewicht der Designmacht in Richtung Los Angeles und speiste die lokale Szene mit ihrer einzigartigen, glamourösen Ästhetik“, schrieb jüngst das Magazin „Architectural Digest“, das Wearstler zum wiederholten Male in die Liste der 100 wichtigsten Kreativen aufnahm.Tatsächlich gelingt es nur wenigen, einen Innenraum so effortless chic zu gestalten, wie es die 55 Jahre alte Designerin tut.
Go-To-Designerin der Kalifornier
„Bei der Suche nach Vintage-Möbeln, Kunst oder Accessoires suche ich immer nach Stücken, die einem Projekt Seele, Geschichte und Charakter verleihen“, erklärt sie im Interview mit séduction. Sie möge ein gewisses „ästhetisches Risiko“ und bezeichnet ihren Stil als „Mixologie“, weil sie verschiedene Designepochen nonchalant miteinander kombiniert. Kelly Wearstler hat ihr Studio 1995 gegründet und ist längst weltbekannt; nicht nur als Go-to-Designerin für geschmackssichere Kalifornier. Sie hat auch mehrere Möbelkollektionen und eine Online-Masterclass lanciert, in der sie die grundlegenden Regeln der Inneneinrichtung erklärt. Mit dem Farbhersteller Farrow & Ball brachte sie eine Farbkollektion namens „The California Collection“ auf den Markt; diversen Hotels von Palm Springs bis Anguilla verhalf sie zu einem eklektischen, aber niemals irrlichternden Auftritt. Doch wie gestaltet man gleichermaßen elegant wie leger? Den vermeintlichen Widerspruch legt sie schon in ihrem eigenen Zuhause in Malibu ad acta. Wearstler hat drei Kinder und mehrere Hunde. Trotzdem wird hier keine Schmutzdecke über das Sofa geworfen – selbst wenn es sich um ein cremebeiges „Soriana“ von Afra und Tobia Scarpa handelt. Nichts sei heilig, sagt die Designerin.
„Ich hoffe, jedem meiner Interieurs den nötigen Glamour und Luxus zu verleihen, ohne dabei auf Komfort und Funktionalität zu verzichten.“ Wearstler mag den Materialmix, arbeitet mit Marmor, Terrazzo und Schiefer, zieht Holzvertäfelungen oder Steinwände ein, legt großen Wert auf Accessoires und Kunst. Und sie verzichtet nie auf ein gemütliches, großes Sofa und eine Wohnecke mit großen Sesseln. Mitten am Broad Beach in Malibu hat die Designerin ein „Surf Shack“ für sich und ihre Familie eingerichtet. Das Haus wurde in den 1950er-Jahren gebaut und gehörte einst dem Hollywood-Schauspieler Carroll O’Connor. Für die Renovierung setzte Wearstler auf Braun- und Erdtöne, außerdem auf Holz und Naturmaterialien wie Jute. Beim Interieur bewies sie erneut ihr Gespür für Objekte, die miteinander in einen Dialog treten: Im Entrée steht ein schwarzer Metallstuhl von Comme des Garçons, gegenüber hängt eine schwarz gebeizte, limitierte Holzkonsole, die sie bei Marta Gallery in Los Angeles fand, im Wohnbereich stehen „Pulkka Lounge Chairs“ von Ilmari Lappalainen für Asko, die 1968 in Finnland entworfen wurden. Die Designerin mag längst zum Star avanciert sein, doch sie verlässt sich nicht nur auf altbekannte Klassiker, sondern kombiniert sie häufig auch mit zeitgenössischem Design oder unbekannteren Stücken. Auf eine Stilrichtung lässt sie sich dabei nicht festnageln: Die Campana-Brüder, bekannt für ihre verspielten, lauten Sammlermöbel, gehören genauso zu ihren Lieblingsdesignern wie die italienischen Sixties-Ikonen Gae Aulenti oder Afra und Tobia Scarpa oder Nachwuchstalente wie der Österreicher Felix Muhrhofer, bei dem sie unlängst einen Terrazzo-Couchtisch mit oxidiertem Stahlrahmen in Auftrag gab.
Wearstler ist Fan von Maximalismus
Dass Kelly Wearstler beileibe nicht dem Minimalismus frönt, ist augenfällig. Doch es gelingt ihr, dass ihre Interieurs weder vollgestellt noch museal wirken. Außerdem meint sie es mit dem Wohnen zwar ernst, aber eben auch nicht zu ernst. Im vergangenen Jahr brachte sie den „Butt Stool“ auf den Markt, ein Sitzmöbel aus Marmor, das aussieht wie ein Po, obschon ein ausgesprochen eleganter. „Als ich den ‚Butt Stool‘ entwarf, wollte ich ein Stück schaffen, das Freude vermittelt. Ich liebe das Spannungsverhältnis zwischen humorvollem und handwerklich anspruchsvollem Design“, erzählt sie. „Mein Team und ich hatten wahnsinnig viel Spaß dabei, zu versuchen, die Form der Backen genau richtig hinzubekommen.“ Ihre Herangehensweise sei immer gleich, egal, ob es um Möbel, Leuchten, Teppiche, Accessoires oder Kunstwerke geht: „Ich strebe nach Einzigartigkeit.“

Der „Butt Stool“ sei das beste Beispiel, weil „die Qualität des Marmors der Verspieltheit des Designs diametral gegenübersteht“. Wearstler liebt den Kontrast der Formen, „von zeitgenössischen und klassischen sowie rohen und raffinierten“. Und sie hat gleich noch ein paar Tipps zur Hand: „Ich setze auf hochwertige und vor allem natürliche Materialien wie beispielsweise Marmor. Das kann einem Raum dieses gewisse Gefühl von Luxus verleihen.“ Weil Kelly Wearstler ständig reist, ist es geradezu konsequent, dass sie auch Hotels einrichtet. Das „Viceroy“ in Palm Springs zum Beispiel, ein eleganter Rückzugsort in der Wüste, der nicht nur bei Midcentury-Modern-Fans zu einer hochfrequentierten Designdestination avanciert ist. Für die Hotelgruppe „Proper“ hat sie die Häuser in San Francisco, Los Angeles, Austin und Santa Monica mit Leben gefüllt. „Für mich sollte ein Hotel sich wie zu Hause anfühlen: intim, aber mit einzigartigem Charakter.“ Dabei bleibt sie detailverliebt. Im „Proper“ in Downtown L.A. finden sich ganze 136 unterschiedliche Fliesensorten. Wearstler strebt danach, dass der Standort des Hotels sich im Design widerspiegelt. Daher, sagt sie, kooperiere sie, sooft es geht, mit lokalen Kunsthandwerkern und Künstlerinnen.
Kelly Wearstler: Kompromissloser Stilmix
„Ein gutes Hotel ist so viel mehr als nur ein Ort zum Schlafen“, sagt die Designerin. „Es sollte vom Moment der Ankunft bis zur Abreise visuell ansprechend sein und so zum integralen Bestandteil des gesamten Reiseerlebnisses werden. „Im ‚Proper‘ in Austin, Texas, hat die Wüste die Farbgebung bestimmt: Coloradorot und Geröllgrau treffen auf Holzwände, schwere Ledermöbel, bunt gemusterte Textilien und – auch das ist für Wearstler üblich – allerlei heimische Pflanzen. Die Hotelgäste erspähen im Entrée eine monumentale Treppe aus hellem Eichen-holz, die gleichzeitig als Schaufläche für Keramikkunst dient; auf den unteren Stufen stehen eine Handvoll Vasen und Objekte. Im Übrigen findet sich auch in Wearstlers eigenem Zuhause in Malibu eine vom Studio entworfene, skulpturale Holztreppe, die – wie auch in Austin – ein veritables architektonisches Highlight ist. Eine Wiederholungstäterin ist Wearstler aber keinesfalls. Immerhin laufen Designer und Designerinnen mit wachsendem Bekanntheitsgrad schnell Gefahr, selbst zu ihren besten Kunden zu werden und Projekte ausschließlich mit Eigenentwürfen zu bestücken. Eine Falle, in die Kelly Wearstler nie tappt. Die Amerikanerin hat sich dem kompromisslosen Stilmix versprochen und so ihre ganz eigene Sprache gefunden.
TEXT: Valerie Präkelt



