
Unverkennbar ohne Logo? Nicht ganz: »Intrecciato« heißt das typische geflochtene Leder, das vor 50 Jahren erstmals bei Bottega Veneta zum Einsatz kam. Und so zum Signet eines Modehauses wurde, dessen Credo eigentlich der Verzicht auf Markenzeichen ist.
Wie um die meisten Ikonen rankt sich auch um das charakteristische »Intrecciato«-Leder (sprich: In-treh-tscha-to) aus dem Hause Bottega Veneta eine charmante Legende. Zur Zeit seiner Kreation – wir schreiben das Jahr 1975 – sollen die damals üblichen industriellen Nähmaschinen dem dicken, aber gleichzeitig sehr weichen Leder, das die Designs vorsahen, nicht gewachsen gewesen sein. Und so soll aus der Not eine Tugend geworden sein, als man sich auf der Suche nach alternativen Verarbeitungsmethoden dem Geflecht zuwandte. Basierend auf der tief verwurzelten regionalen Expertise in der Lederverarbeitung – die Region Veneto hat neben der Toskana die längste Tradition Italiens in dieser Kunst –, wurde eine Technik entwickelt, bei der schmale Lederbänder, »fettucce«, in eine perforierte Lederbasis eingewebt oder um eine hölzerne Form geflochten werden. Sie erfordert Stunden, manchmal Tage geduldiger handwerklicher Arbeit und vor allem langjährige Erfahrung – ein Können, das heute von der einen an die nächste Handwerkendengeneration weitergegeben wird. Das resultierende Material ist gleichzeitig weich, beweglich und nachgiebig, aber auch überraschend robust.
Die Genialität dieser Verarbeitungsinnovation erschließt sich besonders vor dem Hintergrund der Geschichte des Hauses Bottega Veneta. Diese beginnt knapp zehn Jahre vor der Erfindung des geflochtenen Leders in Vicenza im nordöstlichen Italien: Hier eröffnen Michele Taddei und Renzo Zengiaro 1966 ein Geschäft für hochwertige Lederwaren. Gleich zu Beginn formulieren sie »Labor et Ingenium« – Handwerk und Kreativität – als oberste Maxime ihres Unternehmens. Das Zusammenspiel von Hand und Geist, Künstler und Handwerker, Idee und Umsetzung sollte zum Kern der »Werkstatt aus Venetien« werden, nichts anderes bedeutet Bottega Veneta nämlich. Und was hätte dieses Gründungsstatut wortwörtlich greifbarer machen können als das »Intrecciato«?
Seinen ersten großen Auftritt in der Popkultur hatte das Ledergeflecht in Form einer dunkelroten Clutch in der Armbeuge von Lauren Hutton im Filmklassiker »American Gigolo« im Jahr 1980. Auch Jackie Kennedy, Lady Di und Farah Pahlavi gehörten zu den frühen Fans der exklusiven, aber diskreten Lederwaren von Bottega Veneta.
Tatsächlich ist es das »Intrecciato«, das eine Tasche sofort als eine Bottega erkennbar macht. Und es trägt damit zum entscheidenden Erfolgsfaktor einer Marke bei, die ganz bewusst auf sichtbare Logos verzichtet. Der Satz »when your own initials are enough«, der einer anderen Legende zufolge aus der Feder Andy Warhols stammen soll, hat bis heute nichts an Gültigkeit für das Haus verloren. Dass jener herangezogen wurde, ist dabei gar nicht mal so unwahrscheinlich: Laura Moltedo, die Exfrau von Mitgründer Michele Taddei, übernahm Ende der 1970er-Jahre die Leitung der Firma – und sie zählte einst zu den Stammgästen in Warhols »Factory«, engagierte den Künstler später sogar für das Entwickeln einer Werbekampagne.
Gerade in den letzten Jahren rückte der Wunsch nach Quiet Luxury Bottega Veneta in die Top-Liga der begehrtesten Marken. Klar, dass das »Intrecciato« sich mittlerweile nicht mehr nur in Koffern, Schuhen, Kleinlederwaren und Home-Accessoires findet, sondern auch in der Ready-to-wear – etwa in Form einer Jacke aus weichem Veloursleder.
Auch unter Louise Trotter, der neuen Kreativdirektorin des Hauses, die ihr Können zuvor bei Marken wie Lacoste oder Carven bewies und Ende 2024 das Ruder übernahm, bleibt das »Intrecciato« ein zentrales Element – sogar ziemlich visionär, als Kragen eines Trenchcoats, nutzte sie es anlässlich ihres Runway-Debüts. Und in dessen Zuge brachte sie die »Veneta« von 2002 (ein Design des damals hochgelobten Tomas Maier) zurück, auf den Laufsteg und anschließend in die Läden. Eine Tasche, deren organische Form eine besonders kunstvolle Symbiose mit dem geometrischen Flechtwerk eingeht. No logo needed.
Text: Friederike Weissbach
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