
Glenn Martens tritt bei Maison Margiela ein großes Erbe an: Er folgt auf Über-Designer John Galliano, zudem gilt das Haus als eine der konzeptionellsten Stimmen der High Fashion. Doch der Belgier lässt sich davon nicht einschüchtern. Er findet seine eigene – ausgesprochen zeitgemäße – Herangehensweise und steht exemplarisch für eine neue Generation von Modeschaffenden.
Wie kann jemand, der so freundlich, so ruhig, so beinahe schüchtern wirkt, an der Spitze eines der radikalsten Modehäuser überhaupt stehen? Und wie, bitte, sollte Glenn Martens die letzte Show von John Galliano bei Maison Margiela übertreffen – eine Inszenierung, die viele bereits im Moment ihres Geschehens als »legendär« feierten? Sie erinnern sich wohl an Gallianos episches Couture-Drama von 2024 – mit den porzellanartigen Gesichtern und den Trompe-l’œil-Silhouetten. Angesichts eines solchen Erbes würden sich die meisten Kreativdirektoren wohl eher unter der Bettdecke verkriechen, statt es anzutreten. Nicht aber Glenn Martens, der seit Januar 2025 die Leitung des Labels übernommen hat. Martens geht es auch gar nicht um Ego, nicht ums Übertrumpfen – sondern ums Weiterdenken; um das Weiterspinnen der Codes eines Hauses, das er verehrt, seit er ein Junge ist.
Martens ist keiner dieser Designer, die den Raum dominieren, bevor sie ihn betreten. Er spricht leise, lacht oft, wirkt zugänglich, beinahe bodenständig. Down to earth – ein Begriff, der in der Modebranche inflationär gebraucht wird und selten zutrifft. Bei Martens schon. Und irgendwie passt es, weil der Mythos um Margiela schon immer wesentlich auf Diskretion beruhte. Margiela war nie laut, nie frontal, nie eindeutig. Das Haus entzog sich stets der klassischen Erzählung vom Kreativdirektor als Genie mit klar erkennbarem Gesicht. Martin Margiela selbst machte Unsichtbarkeit zur Geste, Anonymität zur Ideologie. Er ließ die Models Masken tragen, um nicht von den Entwürfen abzulenken und machte sich selbst gleich mit zum Mysterium. Eine Herausforderung in einer Branche, die heute mehr denn je auf Personenkult setzt und gerne auch Kreativdirektoren einstellt, die zwar keinerlei Ahnung von Handwerk, dafür aber die Kunst des Hypes perfektioniert haben.
Kein Zufall also, dass Glenn Martens den Vertrag, der alles verändern würde, ausgerechnet in einer Burger-King-Filiale unterschrieb. Modemärchen beginnen selten in Fast-Food-Restaurants, aber bei dem 42-Jährigen ist eben vieles anders. Er macht zwar ernsthaft gute Mode, nimmt sich selbst dabei jedoch nie wichtiger als nötig. Dass er den Weg bis hierher gefunden hat, hängt auch damit zusammen, dass er Renzo Rosso schon lange kennt: Der Gründer von Diesel und Präsident der Holding Only The Brave, zu der sowohl Diesel als auch Maison Margiela gehören, hat Martens’ Entwicklung über Jahre verfolgt. Als Martens Anfang 2025 als neuer Kreativdirektor von Maison Margiela vorgestellt wurde, erklärte Rosso: »Ich habe über Jahre mit Glenn gearbeitet, ich habe sein Talent miterlebt und ich weiß, wozu er fähig ist.«



Und Glenn Martens weiß, dass man Margiela nicht einfach »übernehmen« kann. »Margiela ist kein einzelner Designer. Kein Look, den man reproduziert, sondern ein Denkraum, den man betreten muss. Margiela hat nicht einfach Kleidung entworfen, sondern eine neue Art zu denken etabliert.« Auch andere Labels finden diesen Ansatz attraktiv, allen voran das frühe Vetements, ein Label, das sich selbst gerne als Erbe der Dekonstruktion sieht. Martens winkt ab: »Ich weiß gar nicht, was das frühe Vetements sein soll – außer einer Kopie von Margiela. Vetements existiert für mich nicht. Sie ahmen nur alles nach, mir sind damals fast die Augen aus dem Kopf gefallen, als ich ihre ersten Entwürfe gesehen habe.« Für Martens ist das nur seelenlose Provokation. Wer sich nur an Ironie, Übergröße oder Alltagsobjekten bediene, verfehle den Kern. »Margiela existiert als Schule. Und ich bin definitiv Teil dieses Mindsets.«
Das zeigt sich besonders in seinem Umgang mit Fehlern. »Ein Fehler ist nur dann wirklich ein Fehler, wenn ich ganz genau weiß, wie etwas am Ende aussehen soll, und das Resultat dann das komplette Gegenteil davon ist.« Statt sich darüber aufzuregen, gehe es darum, innezuhalten. »Oft ist dieser vermeintliche Fehler besser als die ursprüngliche Idee.« Es ist eine Haltung, die sich nahtlos in die Margiela-Tradition einfügt: ausgefranste Säume, sichtbare Nähte, das Offenlegen des Prozesses. »Wer hat eigentlich entschieden, dass eine Naht sauber sein muss?«, fragt Martens.
Aufsehen erregten bislang vor allem seine streng konstruierten Jacken und Mäntel, bei denen der Designer die Schneiderarbeit offenlegte: verschobene Schultern, sichtbare Nähte, bewusst irritierende Proportionen. Vieles, was als Makel gelte, sei lediglich Konvention, sagt Martens. »Es ist vielleicht nicht perfekt, aber vielleicht ist es schön?«
Glenn Martens Blick auf Schönheit ist biografisch geprägt. Aufgewachsen in Brügge, umgeben von gotischer Architektur und strengen Proportionen, war er lange von klassischer Schönheit fasziniert. »Ich war regelrecht besessen davon, weil ich verstehen wollte, wie diese Schönheit funktioniert.« Doch als er dieses Regelwerk verstanden hatte, stellte sich Langeweile ein. »Dann begann ich, mich für das vermeintlich Hässliche zu interessieren.« Belgien selbst habe ihn dazu gezwungen. »Belgien ist kein schönes Land im klassischen Sinn.« Viel Industrie, wenig Idylle. Schönheit müsse man suchen. »Meine Ästhetik ist eine Mischung aus der klassischen Schönheit kleiner Städte und dem Grau der Industrie.« Es scheint Fügung zu sein, dass die Landsmänner Martens und Margiela in einer ähnlich widersprüchlichen belgischen Umgebung aufgewachsen sind – vielleicht teilen sie deshalb einen vergleichbaren Blick auf die Welt, und Martens versteht Margielas Referenzen deshalb so intuitiv.
Bei aller Liebe für die Dekonstruktion: Klassische Eleganz lehnt Martens, der elf Jahre Chefdesigner beim edgy Label Y/Project war, nicht ab. Im Gegenteil. »Es gibt kaum etwas Schöneres als einen perfekt geschnittenen Anzug oder einen guten Kaschmirmantel.« Gerade deshalb sei seine klassische Ausbildung an der Königlichen Akademie der Schönen Künste in Antwerpen so wichtig gewesen. »Man muss die Regeln wirklich verstehen, um sie später gezielt und mit Respekt brechen zu können.« Seine Entwürfe seien nicht gegen Eleganz gerichtet, sondern gegen Stillstand. »Meine Entwürfe stellen Fragen. Ich mag alles, was nicht korrekt ist.«


Martens nimmt Mode ernst, aber auch nicht übermäßig. »Die Welt ist ohnehin eine shitshow, also versuche ich, sie mit Humor ein wenig erträglicher zu machen.« Für ihn habe Mode zwar viel mit Haltung zu tun, aber bitte ohne moralischen Zeigefinger. »Mode ist eher eine Party als ein Buchclub.« Diese Ansicht ist erfrischend. Und vielleicht erklärt diese Haltung auch seine besondere Position in der Branche. Als Chefdesigner von Diesel (diese Position hält er weiterhin inne) denkt er hochgradig kommerziell: in Jeans, T-Shirts und Reichweite. Bei Margiela dagegen arbeitet er kompromisslos künstlerisch. Während andere sich entscheiden müssen, bewegt Martens sich selbstverständlich zwischen den Welten. Und ist nicht das die wahre Aufgabe eines Creative Directors – sich selbst zurückzunehmen und der Marke zu dienen?
Ob Glenn Martens Galliano »toppen« kann, ist somit die falsche Frage. Vielleicht geht es nicht darum, lauter zu sein, größer, spektakulärer. Vielleicht geht es darum, Margiela wieder dorthin zu führen, wo es eigentlich immer war: jenseits von Ego, jenseits von Marketing, jenseits eindeutiger Antworten. In einer Welt, die nach und nach ihre Zwischentöne verliert, könnte genau das radikal sein.
Text: Jaqueline Krause-Blouin
Auch interessant:



