
Es gab Momente im Leben, da musste man sich entscheiden: Britney oder Christina, Weiterfeiern oder Nachhausegehen – und nun heißt es »Clean Girl« oder »Sleepy Girl«.
Die »Clean Girls« haben in den letzten fünf Jahren mit ihren cremigen Matcha Lattes, weißen Westen und beigefarbenen Bouclé-Wohnungen Social Media dominiert. Sie stehen früh auf, machen ständig Sport, verzichten auf Zucker und Alkohol, sie tragen T-Shirts mit dem Wort »Hydrate« drauf und ihre Haut glänzt nicht, sie hat einen »Glow«. Chaos wird lediglich vorgetäuscht – in Form einer sorgfältig kuratierten »Messy bun«-Variante. Kurz gesagt: Sie haben ihr Leben auf maximal irritierende Weise im Griff. Doch zwischen Pilates, Eisbad und grünen Getränken entsteht der Eindruck, dass Selbstkontrolle als höchste Form der Erfüllung nicht wirklich erfüllend ist. Und dass dieser Lifestyle auch ein als Selfcare getarnter Auswuchs gesellschaftlicher Zwänge und patriarchaler Repression sein könnte. Abgesehen von der mindestens diskussionswürdigen Motivation ist das Ganze mittlerweile leider auch noch so überraschend wie jemand, der etwas zu lange in der Eisdiele überlegt – und dann Vanille bestellt.
Aber wie lautet die goldene Regel in Mode und Zeitgeist? Für jeden Trend gibt es einen Gegentrend. Und so wie dem leisen Luxus die aufgedrehte »Brat«-Ästhetik von Charli xcx entgegengesetzt wurde, werden nun auch die »Clean Girls« herausgefordert. Auftritt: »Sleepy Girls«.
Die »Sleepy Girls« werden auch »Exhaustion Girls« genannt – ja, Erschöpfung – und haben keine Lust (oder Kraft?) mehr, perfekt auszusehen. Angesichts des aktuellen Weltgeschehens halten sie es sogar für absolut daneben, makellos zu strahlen. Lieber sehen sie so aus, wie sie sich fühlen. Müde. Verdammt müde. Concealer ist für sie einer von vielen Punkten auf ihrer Not-to-do-Liste. Denn: Wem bitte müssen sie beweisen, wie erholt sie sind? Den »Clean Girls«, deren No-Make-up-Make-up manchmal länger dauert als der Schlaf, den »Sleepy Girls« nach einer Partynacht bekommen, jedenfalls nicht.
Dass der Look längst Laufsteg-Realität ist, zeigte sich in dieser Saison bei Alexander McQueen: Verlaufene Mascara und Augenringe gehörten hier so selbstverständlich zum Look, als hätten die Models backstage gemeinsam eine emotionale Krise durchlebt. Trendforscher sind schnell darin, den »Sleepy Girl«-Trend als Symptom unserer Erschöpfung durch künstliche Intelligenz zu lesen – ja sogar als Sehnsucht nach Authentizität in Zeiten der Filter-Fatigue. Und es ist ja auch wirklich ein ausgeschlafener Schachzug, Augenringe nonchalant zum Trend zu erklären und damit zu sagen: So sehen wir aus – und das ist genug; oder?
Ist es natürlich nicht! Weil ich behaupten würde, dass echte Müdigkeit immer noch tabu ist. Niemand möchte tatsächlich erschöpfte Menschen sehen. Augenringe funktionieren besonders gut auf der Porzellanhaut einer Zwanzigjährigen. Deswegen malen sich die »Sleepy Girls«, wie man anhand diverser Make-up-Tutorials auf TikTok lernen kann, die Augenringe auch auf und nennen den Look very French. Erschöpfung ist dann cool, wenn sie gut ausgeleuchtet ist, symmetrisch sitzt und sich jederzeit abschminken lässt.
Und ganz so neu ist dieses Gebaren ebenfalls nicht: Auch ich habe mir früher Schatten unter die Augen gepinselt, weil ich so aussehen wollte wie Kate Moss und Sky Ferreira. Heute habe ich echte Augenringe zu bieten, bin also nicht nur »Sleepy Girl« der ersten Stunde, sondern jetzt ganz authentisch am Start. Dazu bin ich sogar noch auf andere Weise müde: davon, mich entscheiden zu sollen zwischen »Clean Girl« und »Sleepy Girl«; zu müde für diese von einem Algorithmus aufoktroyierte Dauerperformance. Vielleicht wäre es schon radikal genug, kurz aufzuhören, jemand sein zu müssen – und das zu tun, was wirklich schön macht: lange schlafen.
Kolumne: Jasqueline Krause-Blouin
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