
In ihrer Kolumne „Material Girl“ nimmt Jacqueline Krause-Blouin aktuelle Modetrends persönlich unter die Lupe. Diesmal fragt sie sich, warum Mathieu Blazy bei Chanel Low-Rise zurückbringt und ob der Trend wirklich ein Comeback verdient.
Eins vorweg, weil man ja immer erst etwas Positives sagen soll, bevor man Kritik äußert: Ich fand Chanel in den letzten zehn Jahren oft langweilig, zu madamig, zu steif. Seit der neue Creative Director Mathieu Blazy das Zepter übernommen hat, sehe ich das Traditionshaus mit ganz neuen Augen. Die Marke wirkt wie wachgeküsst: die Farben, die Materialien, die Schuhe (!), der ganze Vibe – ich liebe »New Chanel«.
Ich hatte es ja quasi angekündigt: Nun kommt das Aber. Monsieur Blazy, was haben Sie sich nur in Sachen Taille gedacht? Die Taille existiert in der letzten Kollektion nämlich praktisch nicht mehr, beziehungsweise ist weiter nach unten gerutscht als meine Miss-Sixty-Hose der Zweitausenderjahre. Zwei Minuten lang denkt man noch: spannend, vielleicht sogar intellektuell reizvoll. Aber danach fragt man sich nur noch: Warum? Was soll das sein? Das große Comeback einer schlechten Idee? Zum Glück war ich diesmal bei der Show nicht anwesend, sonst hätte ich den Impuls, den Models die Hosen hochzuziehen, womöglich nicht unterdrücken können.
Angeblich soll das Ganze ein Nicken in Richtung der Flapper-Girls der 1920er sein. Doch dafür fehlt es an Glamour, an Leichtigkeit, an jener radikalen Eleganz, die diese Silhouette einst ausgemacht hat. Stattdessen wirken die Faltenröcke erstaunlich brav – fast so, als hätten sie einen Umweg über Miu Miu genommen, allerdings vier Saisons zu spät. Und bin ich die Einzige, die der Look an Justin Bieber auf der ewigen Suche nach seiner Hose erinnert?
Mag sein, dass ich als Millennial ein leichtes Low-Rise-Trauma mit mir herumtrage. Aber sollte Mode nicht in erster Linie gut aussehen? Dem Körper schmeicheln? Was als »schmeichelhaft« gilt, ist natürlich höchst subjektiv und unsere kollektive Obsession mit endlos langen Beinen darf man durchaus hinterfragen. (Ich ertappe mich zum Beispiel selbst dabei, auf jedem Foto reflexartig ein Bein anzuwinkeln, weil mir irgendwann mal jemand gesagt hat, dass das besser aussehe.) Und trotzdem bleibt die Frage: Wer findet es wirklich schön, wenn der Torso zwei Drittel des Körpers ausmacht?
Ich verstehe Blazys Referenz an Coco Chanel. Eine tiefe Taille war ursprünglich eine Rebellion gegen die Enge des Korsetts, eine Befreiung also. Aber ist sie das wirklich – auch in unserer Zeit noch? Fakt ist doch, dass diese Silhouette nur dann gut aussieht, wenn man ungefähr zwei Meter zwanzig groß ist und knabenhaft dünn dazu. Modische Freiheit muss heute doch anders gedacht werden. Die Taille sinkt also – und mit ihr mein Glaube an die Zukunft dieser Silhouette. Vielleicht habe ich es aber auch einfach nicht verstanden und das Ganze ist weniger ein modisches Statement als ein politisches. Ein Hinweis darauf, auf welchem Niveau wir uns als Gesellschaft gerade befinden. Sehr weit unter der Gürtellinie.
Kolumne von: Jacqueline Krause-Blouin
Auch interessant:



