Neo-Knitwear: Die Technik hinter moderner Strickmode - séduction Magazin Germany
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Neo-Knitwear: Die Technik hinter moderner Strickmode

Von Monroe Rei Vogel 18/08/2026
Model auf dem Laufsteg in einem silbernen Strukturstrick-Pullover und einem Rock mit metallischen Fransen
Credit: Spotlight Launchmetrics
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Wer an Strickmode denkt, hat meist den Lieblingspullover vor Augen. Auf den aktuellen Laufstegen reicht das Material jedoch weit über diesen Klassiker hinaus. Designer setzen Strick für Kleider, Röcke und mehrlagige Ensembles ein. Strick lässt sich heute in Formen bringen, die vor wenigen Jahren noch kaum denkbar waren. Im Fachjargon wird diese Entwicklung als Neo-Knitwear bezeichnet.

Der Unterschied zu gewebten Stoffen liegt bereits in der Herstellung. Bei klassischer Konfektion wird eine fertige Stoffbahn zugeschnitten und vernäht. Mit modernen Strickverfahren kann ein Kleidungsstück dagegen direkt aus dem Garn entstehen. Es erhält Masche für Masche seine Form und kommt je nach Verfahren mit wenigen oder gar keinen Nähten aus. Auch die Beschaffenheit des Materials lässt sich während der Fertigung verändern. Ein feines Rippenmuster kann fließend in eine feste Fläche übergehen. Gezielte Ausschnitte oder feine Muster entstehen dabei direkt beim Stricken und müssen nicht nachträglich eingearbeitet werden.

Möglich machen das spezielle Maschinen, die jedoch nur das handwerkliche Werkzeug sind. Der kreative Kopf dahinter bleibt der Designer: Es braucht viel Erfahrung, um zu bestimmen, welche Masche wohin kommt und wie das Material fällt. Oft werden die fertigen Strickteile im Anschluss auch per Hand nachbearbeitet. Dadurch entsteht die Silhouette ganz von selbst aus der Konstruktion. Und das Beste: Der Strick bringt so viel eigene Stabilität mit, dass er ganz ohne die starren Zwischenlagen auskommt, die man sonst von klassischen Anzügen oder Mänteln kennt.

Die Technik hinter Neo-Knitwear

Hinter diesem modernen Stricktrend steckt oft die sogenannte 3D-Technik. Das hat rein gar nichts mit einem Drucker zu tun, sondern meint sogenannte Flachstrickmaschinen, bei denen jede einzelne Nadel punktgenau gesteuert wird. Bereits seit 1995, damals von der japanischen Marke Shima Seiki eingeführt, ist es möglich, komplette Kleidungsstücke dreidimensional in einem Zug zu stricken.

Vor dem Stricken wird der Entwurf meist digital vorbereitet. Muster und Volumen lassen sich am Bildschirm simulieren, bevor die Maschine einen ersten Prototyp strickt. So sind weniger Testläufe nötig, was Material sparen kann. Wie nah die Simulation am späteren Ergebnis liegt, hängt vom jeweiligen Garn ab.

Wenn Designer diese Möglichkeiten voll ausschöpfen, entstehen regelrechte Kunstwerke. Ein eindrucksvolles Beispiel dafür liefert das Haus Schiaparelli.

Schiaparelli: Impossible Knitwear

Optische Täuschungen gehören seit Elsa Schiaparellis frühen Strickentwürfen zur Geschichte des Hauses. Ihr Trompe-l’Œil-Pullover von 1927erweckte den Eindruck einer kunstvoll gebundenen weißen Krawatte. Tatsächlich war das Motiv Teil des schwarzen Stricks. Fast hundert Jahre später griff Daniel Roseberry dieses Spiel mit Wahrnehmung und Konstruktion für Fall/Winter 2026/27 erneut auf. In den Kollektionsnotizen beschrieb er den Ansatz als „Impossible Knitwear“.

Im grauen Ensemble verliefen schmale Aran-Zopfbänder mit regelmäßigen Abständen über Oberkörper und Arme. Der kompakter gestrickte Rock setzte das Muster unterhalb der Taille fort. Die cremefarbene Variante trennte die Elemente noch stärker voneinander. Rollkragen und Ärmelpartien schienen keinen Kontakt zum Oberteil zu haben, breite Rippenbänder lagen um Taille und Hüfte. Erst im Rock schloss sich das Zopfmuster wieder zu einer größeren Fläche. Bei beiden Looks hielt hautfarbener Illusionstüll die einzelnen Strickteile zusammen. Was wie freie Hautpartien aussah, gehörte somit zu einer durchgehenden Konstruktion. Beim Pullover von 1927 lag die Täuschung im Muster, bei Roseberry bestimmte sie den gesamten Aufbau des Looks.

Issey Miyake: Ein Strickstück, mehrere Formen

Die Spring/Summer-2026-Kollektion von Issey Miyake trug den Titel „Being Garments, Being Sentient“ und ging von der Vorstellung aus, Kleidung könne sich wie ein lebender Organismus entwickeln. Die Reihe „Adventitious“ setzte diese Idee in Strick um. Die Basis bildete dabei ein simples, röhrenförmig gestricktes Teil. Während klassische Kleidung durch Kragen und Ärmel festlegt, wie sie getragen wird, bricht dieser Entwurf mit jeder Regel: Je nachdem, durch welche Öffnungen Kopf und Arme schlüpfen und wie der Strick um den Körper gewickelt wird, entsteht jedes Mal ein komplett neuer Look.

Auf dem Laufsteg wurden ein High-Neck-Oberteil und ein Kleid aus dieser Reihe übereinandergetragen. Durch die Schichtung kreuzten sich die Strickbahnen diagonal über dem Oberkörper. Ärmel und Öffnungen lagen nicht mehr dort, wo man sie bei einem klassischen Schnitt erwarten würde. Mal schmiegte sich der Stoff eng an den Körper, mal fiel er in weichen Falten und streckte optisch die Silhouette. Inspiriert von Pflanzen, die sich in alle Richtungen entfalten, gehorchte die Konstruktion keiner klassischen Regel. Das Kleidungsstück hatte keine feste Vorder- oder Rückseite – seine wahre Form offenbarte sich erst im Moment des Anziehens, je nachdem, wie die Trägerin die Öffnungen nutzte und die einzelnen Teile miteinander kombinierte.

Missoni: Knit on Knit on Knit

Bei Missoni ging es diesmal gar nicht so sehr um eine komplett neue Technik, sondern vielmehr darum, wie unfassbar viel Strick man eigentlich übereinanderziehen kann. Designer Alberto Caliri hat sich dafür von einer alten Show aus dem Jahr 1978 inspirieren lassen, wo man schon damals weiche Pullover und lange Cardigans einfach wild miteinander kombiniert hat.

In der aktuellen Kollektion lief das im Grunde genau so: Da treffen schmale Tops und lange Schals auf glänzende Hosen, dicke Strickjacken und riesige Mäntel. Weil für die ganzen Lagen völlig unterschiedliche Garne und Muster verwendet wurden, hebt sich am Ende jede Schicht super voneinander ab. Das Motto lautet im Grunde einfach Strick pur von oben bis unten, nur eben clever gestylt durch verschiedene Dicken und Schnitte.

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