
Athleisure, also Sportbekleidung, die vor allem wegen ihres Looks und ihres Komforts im Alltag getragen wird, hat ihren Alleinanspruch längst verloren. Die Phase, in der ein plakatives Logo auf einem gewöhnlichen Baumwoll-Kapuzenpullover schon ausreichte, um aus Alltagskleidung vermeintliche Sportswear zu machen, scheint zunehmend ausgereizt. Parallel wächst der eigentliche Sportartikelmarkt weiter. Laut einer Studie von McKinsey und der World Federation of the Sporting Goods Industry soll die Branche bis 2029 weltweit um durchschnittlich sechs Prozent pro Jahr wachsen. Zwischen 2021 und 2024 waren es noch sieben Prozent.
Für die Mode ist dabei vor allem interessant, wie sich das Angebot verändert. Technische Materialien, Performance-Schuhe und wetterfeste Outerwear haben ihren Weg längst aus dem Sportfachhandel in die Kollektionen großer Modehäuser gefunden. Eine sportliche Optik allein reicht aber nicht mehr aus. Wer sich auf Running, Outdoor oder Ski bezieht, muss heute auch bei Material, Konstruktion und Ausstattung etwas bieten.
Modehäuser setzen auf Expertise
Die moderne Kundschaft möchte nicht mehr nur auf dem kurzen Weg zum Matcha-Latte sportlich aussehen. Running, Tennis, Wandern und Skifahren gehören für viele längst zum Alltag. Entsprechend soll die Kleidung nicht nur gut aussehen, sondern Belastung, Wetter und Bewegung tatsächlich mitmachen. Genau deshalb kooperieren Modehäuser immer öfter mit etablierten Sportmarken und greifen auf deren Wissen über Materialien, Konstruktion und technische Ausstattung zurück. Auf den Laufstegen ist dieser Wandel klar zu erkennen. Was früher oft nur wie Sportswear aussah, wird heute zunehmend mit tatsächlicher Funktion und technischer Entwicklung verbunden.
Kooperationen mit Leistungsanspruch
Ein gutes Beispiel lieferte Balenciaga mit seiner Off-Season-Show Spring 2025 in Shanghai. Im Rahmen der Show stellte das Haus seine Zusammenarbeit mit Under Armour vor. Dabei trafen die Stoffe und technischen Eigenschaften der amerikanischen Sportmarke auf die überzeichneten Volumen und Silhouetten von Balenciaga. Direkt nach der Show erschien zunächst eine achtteilige Auswahl der Kooperation.

Ein ähnliches Prinzip verfolgt MM6 Maison Margiela gemeinsam mit Salomon. Die Kooperation begann bereits 2022 und wurde für Herbst/Winter 2024 weitergeführt. Bei verschiedenen Modellen kamen Technologien aus dem Trailrunning- und Outdoorbereich zum Einsatz, darunter Contagrip-Laufsohlen, EnergyCell-Dämpfung und OrthoLite-Einlegesohlen. Damit bleibt vom Gorpcore, also dem modischen Einsatz klassischer Wander- und Outdoorbekleidung, nicht nur die Optik übrig. Die technische Grundlage stammt tatsächlich aus dem Sport.

Noch besser zeigt sich diese Entwicklung bei Loewe und On. Die Zusammenarbeit der beiden Marken begann 2022 und wurde 2024 erstmals um eine komplette Ready-to-wear-Kollektion erweitert. Unter der damaligen kreativen Leitung von Jonathan Anderson entstanden nicht nur Sneaker, sondern auch Activewear und Outerwear. Zum Einsatz kamen unter anderem zweieinhalblagiges Ripstop-Gewebe für leichte Jacken und Parkas, dreilagige wasserdichte Materialien für Capes sowie recyceltes technisches Jersey für Tops und Shirts.Aus einer klassischen Sneaker-Kollaboration entwickelte sich so ein deutlich umfassenderes Projekt.
Mehr als nur sportliche Optik
Dahinter steckt eine Rückbesinnung auf das, was Sportbekleidung ursprünglich leisten soll. Entscheidend ist nicht mehr allein die Optik, sondern ob ein Kleidungsstück auch unter realen Bedingungen überzeugt. Technische Eigenschaften werden damit wieder zu einem wesentlichen Teil des Designs. Auch das Verhältnis zwischen High Fashion und Sport verändert sich. Statt sportliche Codes lediglich zu übernehmen, arbeiten Modehäuser häufiger mit spezialisierten Herstellern zusammen und beziehen deren technisches Wissen direkt in die Entwicklung ein. Sportmode auf dem Runway soll heute also nicht nur nach Leistung aussehen. Sie muss sie im besten Fall auch tatsächlich liefern.
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