
Dirk Boll, Vorstand für Kunst der 20. und 21. Jahrhunderts bei Christie’s über den künstlerischen Wert von Einfassungen.
Die Rahmung eines zweidimensionalen Kunstwerks hat erheblichen Einfluss auf seine Wirkung. Sie wurde anfangs als integraler Teil des Werkes angesehen, denn ihr Ursprung liegt in der Altartafel. Malfläche und Rahmung wurden damals stets gemeinsam gefertigt. Und auch der Rahmen wurde bearbeitet, etwa durch Vergoldung oder indem er selbst bemalt wurde – zuweilen sogar durch die Kunstschaffenden selbst, vor allem im Mittelalter und dann wieder im frühen 20. Jahrhundert.
Im Idealfall befindet sich ein Gemälde auch heute noch in dem Rahmen, den Künstler oder Künstlerin dafür ausgesucht oder sogar produziert haben. Allerdings wurden die Einfassungen natürlich auch regelmäßig ausgetauscht, zum Beispiel, um das Bild an die aktuelle Einrichtungsmode anzupassen. Der preußische Architekt Karl Friedrich Schinkel setzte die Idee um, die Bestände der Berliner Gemäldegalerie mit einheitlichen Rahmen zu versehen. Denn diese wurden 1830 in das neu eröffnete Alte Museum am Lustgarten überführt und Schinkel wollte dort – trotz der unterschiedlichen Herkunft der Werke – ein geschlossenes ästhetisches Gesamtbild im Einklang mit der Museumsarchitektur schaffen.
Ist das Original verloren, hilft heute nur die nachträgliche Ergänzung des Rahmens. Dabei werden nach wie vor Altmeister-Werke und Gemälde des 19. Jahrhunderts in Einfassungen dieser Epochen gebracht; die Kunst der klassischen Moderne wird aber oft ebenfalls mit antiken Rahmen versehen. Erst die Nachkriegs- und die zeitgenössische Kunst suchten und suchen sich neue Präsentationsmöglichkeiten durch ebenso zeitgenössische Rahmen. Oder es wird gänzlich auf eine Einrahmung verzichtet. Wenig erstaunlich, dass diese Entwicklungen einhergingen mit der Massenproduktion von preisgünstigen Rahmen im sogenannten „Louis Toujours“-Stil, für ältere oder traditionellere Werke.
Antike Rahmen stellen heute allerdings eine Rarität dar, denn die ausgetauschten Exemplare wurden in vergangenen Zeiten keineswegs aufbewahrt. Dem kleinen Angebot steht eine seit dem frühen 20. Jahrhundert kontinuierlich wachsende Nachfrage entgegen, denn man hat erkannt, dass ein antiker Rahmen die Wirkung vieler Werke positiv beeinflussen kann. Die heutige Begeisterung hat nicht nur das Angebot von Rahmenbauern beeinflusst, die antike Originale kopieren. Ein eigener kleiner Markt für antike Einfassungen ist entstanden, der durch Rahmenauktionen und Händler und Händlerinnen, die solche anbieten, beliefert wird. Nachfragende sind nicht nur privat Sammlende, sondern auch Museen. So hat etwa das Kunstmuseum Basel sehr früh begonnen, antike Rahmen „auf Vorrat“ zu kaufen. 1934 wurde dieser Entschluss gefasst, um in den folgenden drei Jahren insgesamt 262 antike Rahmen anzuschaffen – ein Fundus, aus dem sich die Kuratierenden des Hauses bis heute bedienen können.
Wer ein Werk rahmen lässt, trifft also zwangsläufig eine Entscheidung, die weit über naheliegende oder schützende Aspekte hinausgehen sollte. Vielmehr darf man diesen Akt als kuratorische Geste verstehen: Denn eine Fassung kann ein Bild historisch verankern oder es eben bewusst aus seiner Zeit lösen; seine Energie eher bündeln – oder es öffnen. Man bewegt sich dabei stets in Spannungsfeldern – zwischen Annäherung und Kontrast, zwischen Respekt und Rebellion. Wichtig ist, den Rahmen von vornherein nicht als schmückendes Beiwerk zu sehen, sondern als Übergangszone vom Werk zur Welt; nicht abgrenzend, sondern vermittelnd.
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