Art Talk mit Anne Vieth: »Die Auseinandersetzung mit Kunst birgt viel Innovation« - séduction Magazin Germany
KULTUR

Art Talk mit Anne Vieth: »Die Auseinandersetzung mit Kunst birgt viel Innovation«

Von Dirk Boll 13/07/2026
Ein Kunstwerk aus der Mercedes-Benz Kunstsammlung.
Credit: Courtesy the artist, Noemi Strittmatter
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Alles im Blick: Anne Vieth kümmert sich seit 2023 um die Kunstsammlung von Mercedes-Benz; Credit: Mercedes-Benz Group AG, Deniz Calagan

Zahlreiche namhafte Unternehmen verfügen inzwischen über beachtliche Kunstsammlungen. Doch welchen Zweck erfüllen sie jenseits der Repräsentation? Und wie lässt sich so sammeln, dass sich darin die DNA einer Marke spiegelt? Antworten darauf gibt Anne Vieth, Leiterin der Mercedes-Benz Art Collection.

Häufig war unternehmerisches Sammeln Ergebnis des persönlichen Interesses des Firmeninhabers oder eines Vorstandsmitglieds, deren Geschmack die Ausrichtung der Sammlung entsprechend prägte; im 20. Jahrhundert waren dies fast immer Männer. Wer gab den Anstoß bei Mercedes-Benz?

Die Mercedes-Benz Art Collection wurde 1977 gegründet. Den Anstoß gab Edzard Reuter als damaliges Vorstandsmitglied, von 1987 bis 1995 war er Vorsitzender des Vorstandes der Daimler-Benz AG. Für ihn hatte das kulturelle Engagement des Unternehmens eine große Relevanz – sowohl mit Blick auf die Gesellschaft als auch auf die Mitarbeitenden. Zudem war er kunstbegeistert und fand in Hans J. Baumgart, dem ersten Leiter der Kunstsammlung, einen ebenso kunstfaszinierten Partner. Mit dem ersten Ankauf, dem Gemälde »Ruhe und Bewegung« des Stuttgarter Künstlers Willi Baumeister von 1948 wurde die Tonalität der Sammlung gesetzt und seither kontinuierlich verfolgt.

Nun gibt es ein Mercedes-Museum, das ist aber vor allem das Produktarchiv des Unternehmens. Was sind Ihre Spielstätten?

«Venedig Machine 10 (Japan 2012)» von Benedikt Partenheimer, das aktuell in der Ausstellung «Power Lines» im Merlin-Theater in Budapest zu sehen ist; Credit: Benedikt Partenheimer

Wir realisieren Ausstellungen an internationalen Standorten, die dreierlei Voraussetzungen erfüllen: eine spannende Kunst- und Kulturszene, die Präsenz von Mitarbeitenden sowie Standortrelevanz für das Unternehmen. Im vergangenen Jahr waren wir in Mexico City mit einer Präsentation zum Thema Identität. Vom 28. Mai bis 30. August 2026 zeigen wir »Power Lines« in Budapest. Diese Ausstellungen basieren auf dem Dialog zwischen zeitgenössischen künstlerischen Positionen vor Ort und Werken der Mercedes-Benz Art Collection. Hierfür arbeiten wir mit lokalen Kurator:innen zusammen. Für mich ermöglicht dieses Konzept ein breitgefächertes Engagement für Kunst, das immer neue Perspektiven auf die Sammlung eröffnet. Und das Mercedes-Benz-Museum ist unsere Homebase. Unter dem Titel »Now on View« zeigen wir dort Kunstwerke, die auf die dortige Ausstellung abgestimmt sind und mit den Highlights der Firmengeschichte interagieren. Von Imi Knoebel über Gregor Hildebrandt bis hin zu Selma Selman.

Selbst wenn in Unternehmen zunächst zu typischen Repräsentationszwecken gesammelt wurde, so entstand ab den 1980er-Jahren die Vorstellung von einer Sammlung als Teil einer Kommunikationsstrategie. Kann Ihre Arbeit Mercedes helfen, Autos zu verkaufen?

Unsere Arbeit trägt die DNA der Marke in sich. Mercedes-Benz steht für Pioniergeist – vor 140 Jahren hat Carl Benz das Patent für das erste Automobil angemeldet und Gottlieb Daimler kurz darauf die Motorkutsche gebaut. Innovatives Denken ist seither klarer Anspruch. Hier setzt die Arbeit des Corporate Art Departments an, denn die Auseinandersetzung mit Kunst birgt viel Innovation und Kreativität. Dies erleben wir oft hautnah – sei es bei Führungen für Öffentlichkeit und Mitarbeitende oder bei Kunstprojekten, bei denen Künstler und Künstlerinnen und Mitarbeitende aufeinandertreffen. Zudem verkörpert die Mercedes-Benz Art Collection das breite gesellschaftliche Engagement von Mercedes-Benz für Kultur und Bildung. Mit der Kunstsammlung möchten wir einen erkennbaren Nutzen für das Gemeinwohl stiften. Basis dafür ist unser Selbstverständnis als Marke, verantwortungsvoll auf gesellschaftliche Fragen und Entwicklungen zu reagieren. 

Welche Rolle spielt die Motivation der Mitarbeitenden beim Sammeln?

Raum für Kunst: Die Mercedes-Benz Art Collection ist seit März 2024 mit ihrer Sammlungspräsentation «Now on View» dauerhaft im Mercedes-Benz Museum zu sehen (im Bild «Do you want us here or not (KAH)» von Finnegan Shannon, 2023); Credit: Finnegan Shannon, Jürgen Altmann

Der Gründungsgedanke der Sammlung war, den Mitarbeitenden die Begegnung mit Kunst im Arbeitsalltag zu ermöglichen. Das zeigt schon, wie wichtig dieser Aspekt ist. Wir setzen hier klare Akzente, indem wir auch Projekte umsetzen, die deutliche inhaltliche Bezüge zum Unternehmen aufweisen. So etwa die Ausstellung »Vollgepackt«, die im Juli in Stuttgart eröffnen wird. Sie ist in Zusammenarbeit mit dem Turkish Employee Network – einem Netzwerk von Mitarbeitenden des Unternehmens – entstanden und nähert sich dem komplexen Gefühl von Zuhause am Beispiel türkisch-deutscher Migrationsgeschichten.

Obgleich nach wie vor die meisten Mercedes-Automobile in Deutschland produziert werden, hat sich der Blick der Sammeltätigkeit globalisiert. Wollen Sie nicht auch dem Ursprung des Unternehmens Tribut zollen?

Lokal & Global: «Cosmic Vortex» (2024) von Theresa Weber, ein Werk aus der Sammlung; Credit: Courtesy: Theresa Weber, Heinrich Holtgree

Wir zeigen beides, indem internationale Kunst ebenso angekauft wird wie Positionen aus dem Stuttgarter Raum. Was zählt ist die Qualität der Arbeiten und deren sinnstiftende Einbindung in das Sammlungsprofil. Gleiches gilt für unsere Projekte – sie greifen sowohl die globale Präsenz des Konzerns als auch seine regionale Verbundenheit auf. Diese Vielfalt an Orten, Kulturen, Begegnungen und Menschen macht meine Arbeit so spannend!

Die allgemeine Begeisterung für zeitgenössische Kunst hat auch im Corporate Collecting zu einer Abkehr vom Sammeln von Altkunst geführt; stattdessen wollen Unternehmen ihre Zukunftsfähigkeit mit zeitgenössischen Werken verdeutlichen. Auch bei der Mercedes-Benz Art Collection kann man diese Entwicklung sehen. Gleichzeitig zeigt das Mercedes-Benz-Museum stolz den 1986er-Motorwagen. Ist das nicht ein Widerspruch?

Die Ausstellung «Belonging» fand 2025 im Espacio CDMX in Mexiko-Stadt statt; Credit: Courtesy the artists, Ramiro Chaves

Ich sehe hier keinen Widerspruch, sondern die so wichtige Auseinandersetzung mit Geschichte. Ein Werk von Willi Baumeister ist formalästhetisch und mit Blick auf die Biografie des Künstlers sowie hinsichtlich der Entwicklung der Abstraktion hochinteressant. Stellt man sein Gemälde »Ruhe und Bewegung« der Hommage von Maximilian Prüfer gegenüber, der Fliegen zu den eigentlichen Autoren seiner Kunstwerke macht, dann treffen kunsthistorischer Kanon und zeitaktuelle Fragestellungen aufeinander. Dabei lässt sich das historische Gewachsen-Sein einer Sammlung mit dem Brückenschlag zu gegenwärtigen und zukünftigen Fragen verbinden.

Nachhaltig: Beim 38. Festival d’Hyéres 2023 traf die Skulptur von Michael Sailstrofer auf den Merces-Benz Sustainability Prize, um das Thema Upcycling künsterlirisch in Szene zu setzen; Credit: Michael Sailstrofer, VG Bild-Kunst, Bonn 2026, Kristin Lee Moolman

Trotzdem wird Ihre Sammlung jeden Tag ein bisschen historischer. Wie gehen Sie mit dem Altern der Werke und – falls sich deren »Patinafähigkeit« herausstellt – der zunehmenden Musealisierung der Sammlung um?

Wo möglich – und hier beziehe ich mich auf inhaltliche, aber auch auf konservatorische Bedingungen – binden wir die Kunst aller Epochen in unsere Projekte ein. Die Sammlung setzt verstärkt mit Werken ab den 1920er-Jahren ein und führt bis zu Ankäufen und Auftragsarbeiten aus dem Jahr 2026. Genau in dieser Bandbreite steckt ein zentrales Charakteristikum und Qualitätsmerkmal der Collection. Sie gilt als »museale« Unternehmenssammlung. Dies zeigen auch die zahlreichen Leihanfragen, die wir von internationalen Museen erhalten und die wir gerne wahrnehmen. Zudem halten wir bei Erwerbungen weiterhin Ausschau nach Arbeiten aus dem 20. Jahrhundert. Denn klar ist, wir können unsere Sammlung gerade im Bereich prägender Künstlerinnen noch verstärken.

Unternehmenssammlungen haben auch Einfluss auf die Geschmacksbildung der Märkte. Nicht umsonst sprechen amerikanische Kulturwissenschaftler vom »corporate takeover of public expression and taste«. Sehen Sie Interessenkollisionen, wenn Unternehmenssammlungen zeitgenössische Werke ankaufen, zwischen Sammeln und Leihen einerseits und etwa Kultursponsoring andererseits?

Das ist ein relevanter Punkt, den Sie hier benennen. Ob als Kuratorin einer öffentlichen Institution oder als Leiterin einer Unternehmenssammlung, ich versuche, mir über die Konsequenzen meiner Aktivitäten bewusst zu sein – unter anderem Pierre Bourdieus kritische Analyse der Akteure und Akteurinnen des Kunstbetriebs im Hinterkopf. Dabei hilft mir die Kunst selbst am meisten, denn das Werk muss überzeugen, auch bei mehrmaligem Befragen, und es muss Potenzial für Entwicklung in sich tragen. Auch, wenn es keine Sicherheit gibt, gibt es doch Indikatoren. Zudem unterstützt das offene und kritische Gespräch mit verschiedenen Akteuren und Akteurinnen. Bei Auftragsarbeiten etwa ist dies die Grundlage: Transparenz und wechselseitiges Vertrauen. Antworten auf Fragen wie diese klingen schnell wie Plattitüden, aber für mich sind sie gelebte kuratorische Erfahrung. Und klar ist: Jede Ausstellung und jeder Ankauf setzt etwas in Gang.

Corporate Collecting geht einher mit der Befürchtung, die Unternehmen könnten in wirtschaftlich schwierigen Zeiten ihren Kunstbesitz wieder veräußern. Umfasst Ihre Sammlungsstrategie auch Deaccessioning?

Ich habe in der Unternehmenswelt einen spannenden Begriff gelernt – um ehrlich zu sein nicht nur einen. „Portfoliomanagement“ – das heißt, auch wir prüfen unsere Aktivitäten und die Bestände mit Blick auf die zugrundeliegende Strategie des Corporate Art Department. Dazu können auch Verkäufe zählen. Diese wären jedoch sammlungsstrategisch und nicht finanziell motiviert, das ist ein substanzieller Unterschied.

Anne Vieth

Anne Vieth ist seit 2023 Leiterin der Mercedes-Benz Art Collection und des Corporate Art Departments. Davor arbeitete sie als Kuratorin für moderne und zeitgenössische Kunst am Kunstmuseum Stuttgart. Weitere Stationen waren die Staatlichen Kunstsammlungen Dresden sowie die Kunsthalle Mannheim. Das Studium und die Promotion im Fach Kunstgeschichte schloss sie an der Universität Hamburg ab.

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