DIRK BOLL, Vorstand für Kunst des 20. und 21. Jahrhunderts bei Christie’s, über kostbare Bücher – und das Erlangen von „Bookcase Credibility“
Nach der vollständigen Digitalisierung von Informationsaufbewahrung und -verarbeitung scheint den Menschen die Gesellschaft von bedrucktem Papier erneut wichtig zu sein. Das zeigen steigende Nutzungszahlen öffentlicher Bibliotheken: Diese sind noch vor den Kunstmuseen die meist genutzten Kulturinstitutionen der Republik. Hier kann man lesen, stöbern, lernen und arbeiten, ohne gleichzeitig konsumieren zu müssen. Wahrhaftig ein »dritter Ort« im Sinne von Ray Oldenburg, der bereits 1989 in seinem Buch »The Great Good Place« die Notwendigkeit eines nicht kommerziellen Treffpunktes außerhalb von Zuhause und Arbeitsplatz propagiert hat.
Vom Dekorationsstück zum Statussymbol
Aber auch als kommerzielle Dekorationsidee ist die Bibliothek wieder auf dem Vormarsch: Fake Libraries – also Bücherwände als Kulissen – findet man in Boutiquehotels oder auf Kreuzfahrtschiffen. Oder als Raumbezeichnung in den Grundrissen von Luxusimmobilien: Dort macht sich die »Bibliothek« natürlich auch gut. In solchen Etablissements muss man aber auch einfach vielen Räumen einen Namen geben.
Und damit wären wir auch schon bei der Bibliothek im privaten Umfeld: Getreu dem Motto »zwei Meter Goethe und dann noch etwas zum Lesen« ist sie dort vor allem Profilierungsmöglichkeit. Bei den privaten Büchersammlern kann man vier Stufen identifizieren: Zunächst die Fremdbestimmten, deren Einrichtung – inklusive »Literatur-Auswahl« – von Interiordesigner oder -designerin gestaltet wurde; was meist auf Coffeetable Books hinausläuft. Dann die eigene Buchsammlung, die (womöglich farblich sortiert) als Hintergrundtapete angeschafft wurde. Als Nächstes die Regale der Menschen, die tatsächlich lesen und mit Büchern arbeiten. Die häusliche Spreu vom Weizen zu trennen, haben sich Rating-Seiten wie der X-Account »Bookcase Credibility« zur Aufgabe gemacht. Dessen Dienstleistung: die Bücherregale im Hintergrund von Zoom-Calls zu analysieren, um Blender von wahren Connaisseuren unterscheiden zu können. Gewissermaßen die Königsklasse ist wohl das Sammeln historischer Bücher. Diese Objekte lagern allerdings licht- und staubgeschützt in verschlossenen Schränken, denn es handelt sich hierbei um empfindliche Raritäten: entweder um Handschriften, die häufig mit prächtigen Malereien illuminiert wurden, in aller Regel an den Kapitelanfängen des Textes; oder um tatsächlich gedruckte Bücher, deren Exklusivität durch das Alter kommt – und die oft mit teilweise handkolorierten Holzschnitten illustriert wurden. Als Inkunabeln werden die Kleinstauflagen mit dem Einsatz der Gutenberg’schen Maschine bezeichnet, sprich Druckwerke aus dem 15. Jahrhundert. Traditionell wurden davon schon immer einzelne Seiten gehandelt, was zur Zerlegung führte. Umso begehrter sind komplette Exemplare sowie Holzschnitte mit originaler Farbgebung; aktuelle Marktrekorde liegen dabei im zweistelligen Millionenbereich. Neben werkimmanenten Aspekten wie Autorenschaft, Inhalt, regionale Herkunft, Gestaltung und Erhaltungszustand werden Preise auch von Aspekten der Sammelwürdigkeit beeinflusst; hier muss man vor allem an die Bedeutung von Auftraggebern oder den prominenten Vorbesitz denken. Eine weitere Spielart der Bücherliebe ist das Sammeln von Erstauflagen großer literarischer Werke. Hier kann man einen multisensorischen Eindruck vom Werk bekommen, so wie es Autorinnen und Autoren konzipiert und selbst erfahren haben: von den Texturen des Einbands und des verwendeten Papiers bis hin zu den Schrifttypen und der Gestaltung der Seiten. Und anders als mittelalterliche Handschriften kann man jene auch heute noch lesen.
»Lesen ist ein strafloses Laster«, befand einst Pauline de Rothschild, Aristokratin, Schriftstellerin und legendäre Stil- Ikone der Pariser Hautevolee. »Aber echte Leser sind wie Trinker: Ein Tropfen hier, ein Tropfen da…« Und jeder Tropfen, das merken wir an den vielen verschiedenen Ausprägungen der aktuellen Sammellust, steigert den Durst!
Text: Dirk Boll
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