
Dirk Boll, Vorstand für Kunst des 20. und 21. Jahrhunderts bei Christie’s, über die lange unterschätzten therapeutischen Kräfte von Kunst.
Das heutige Konzept der Kunstliebe ist auf den Manierismus zurückzuführen. Die Antikenbegeisterung, die – verbunden mit einem hohen Grad an Mystizismus – diese Epoche prägte, erschuf die Vorstellung, dass die Kunst verborgene Wahrheiten in sich berge, deren intime Kenntnis eine kultivierende Wirkung habe. Dieser Gedanke, dass die Auseinandersetzung mit Kunstwerken den menschlichen Charakter positiv beeinflussen und geradezu klären kann, wurde später von Johann Wolfgang von Goethe mit einer kunsttheoretischen Schrift in die Neuzeit überführt: »Der Sammler und die Seinigen« setzt sich in der Form eines Briefromans mit den Folgen von Kunstrezeption und -sammeln auseinander. Goethe argumentierte darin, dass Kunst mehr sei als nur Besitz oder Genuss; die Auseinandersetzung mit Kunstwerken wirke direkt auf das menschliche Gemüt und habe damit Einfluss auf unsere Empfindungen und Haltungen – sie könne den Blick klären und den Charakter schärfen.
Wie in zahlreichen anderen Bereichen war der Universalgelehrte auch in den Fragen der Auswirkungen von Kunstbetrachtung seiner Zeit weit voraus. Erst heute entwickelt die Schulmedizin ein Bewusstsein für mögliche Heilungskräfte. Kunst auf Rezept gibt es bereits in einigen Ländern: Gegen Depressionen, Stress und andere psychische Krankheiten werden dort bereits Museumsbesuche verschrieben. Hier geht es wohlgemerkt nicht um die sogenannte Kunsttherapie, also das heilende Selbst-Schaffen von Kunstwerken; sondern um deren Genuss. Und der muss ja generell kein Luxus sein – dank öffentlicher Museen. Verschrieben werden deren Besuche keineswegs nur privat Versicherten, in Großbritannien ist »Social Prescribing« – also die ärztliche Verordnung nichtmedizinischer Angebote wie Kultur, Bewegung oder sozialer Aktivitäten – seit einer Dekade Teil des staatlich finanzierten Gesundheitssystems NHS. Die Auswertung zeigt: Hausarzt-Termine gingen um 28 und Notaufnahme-Besuche um 24 Prozent zurück. Auch die Museen haben diese Vorgehensweise als Instrument erkannt, ihre Community zu unterstützen und dadurch vielleicht auch ihr Publikum zu erweitern. So empfing die Ärztekammer Vorarlberg unlängst 1000 Freitickets des Vorarlberg Museums, zur freien Zuteilung über die Hausärzte. In Kanada dürfen Hausärzte pro Jahr bis zu 50 Museumsbesuche auf Krankenkassenkosten verschreiben. Das Rijksmuseum in Amsterdam unterstützt gegenwärtig eine Studie, die positive Auswirkungen von Kunst auf Parkinsonpatienten untersucht – finanziert von der Stiftung des an Parkinson erkrankten Schauspielers Michael J. Fox.
Auch in Deutschland schlägt die Idee Wurzeln. Die Technische Universität Dresden empfiehlt bereits heute regelmäßige Museumsbesuche zur individuellen Gesundheitsvorsorge. In Berlin will ein Gemeinschaftsprojekt der Großklinik Charité und des Bode-Museums die Rezeption von Kunstwerken untersuchen, indem etwa in den Räumlichkeiten des Museums verschiedene Meditationsarten praktiziert werden. Anders als in einer Kunsttherapie braucht man keine gestalterischen Hilfsmittel; nur das Sich-Einlassen auf die Kunst.
Goethe widmete sich allerdings auch den damit verbundenen Defiziten. Die Ehrfurcht, die der Mensch vor Kunstwerken entwickle – und der daraus resultierende Besitzwunsch –, solle unbewusst ausgleichen, dass die meisten selbst kein individuelles Talent zur Schöpfung von Kunst hätten. Auch Friedrich Dürrenmatt beschreibt in »Grieche sucht Griechin« die einschüchternde Wirkung von Kunst auf Bittsteller und Angestellte. Und bis heute lässt sich beobachten, dass viele Menschen Berührungsängste mit Kunst haben oder meinen, sie würden keinen Zugang finden. Soll daraus eine massentaugliche Therapieform werden, müssten wohl auch diese Schwellen gesenkt werden. Dann jedoch können Kunst und Kultur für das Wohlbefinden der Menschen eine stärkende Bedeutung erlangen, die derer von Natur oder Sport in nichts nachsteht.
Auch interessant:



