Marilyn Monroe: Letzte Fotos von Lawrence Schiller - séduction Magazin Germany
KULTUR

Marilyn Monroe: Inszeniert für die Ewigkeit

Von Redaktion 19/07/2026
Marilyn Monroe bei einem Photoshoot im Wasser.
Credit: Lawrence Schiller, Courtesy TASCHEN and Holden Luntz Gallery
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In diesem Jahr würde Marilyn Monroe 100 Jahre alt. Dabei scheint sie uns noch immer nah und bleibt präsent – auch als Rätsel, für das es keine Lösung gibt. Der Fotograf Lawrence Schiller begleitete sie in den letzten Monaten ihres Lebens. Sein Buch „Marilyn & Me“ liegt jetzt in Neuauflage vor.

Sie ist die, die bleibt, das Gesicht, das im Mahlstrom der Bilder einfach nicht verblassen will – auch 64 Jahre nach ihrem Tod am 4. August 1962. Es scheint geradezu unwirklich, dass Marilyn Monroe vor 100 Jahren, am 1. Juni 1926, geboren wurde.

Monroes 100. Geburtstag ist auch Anlass für die Neuauflage eines Buches, das sich Marilyn in den letzten Wochen vor ihrem plötzlichen und bis heute nicht völlig geklärten Tod annähert. In „Marilyn & Me“, aus dem die Bilder dieses Artikels stammen, erzählt der Fotograf Lawrence Schiller von seinem Shooting am Set von Monroes letztem, unvollendetem Film „Something‘s Got to Give“. Legendär wurde es, weil Marilyn sich auszog und nackt am und im Pool posierte. Schiller erzählt aber auch von den Umständen und der Vor- und Nachgeschichte ihres Zusammentreffens, ihren Gesprächen, Marilyns Hoffnungen, Ängsten und Problemen. Er hört hin und er beobachtet scharf. Schon beim ersten Treffen begreift er ihr besonderes Verhältnis zur Kamera: „Das ist nicht der beste Winkel für mich. Wenn du dort rübergehst, bekommst du ein besseres Foto, weil das Licht besser ist“, sagt sie ihm. „Ich begab mich an die von ihr vorgeschlagene Stelle“, erinnert Schiller. „Und in diesem Moment drehte sie ihren Kopf halb in meine Richtung. Sie blickte über ihre linke Schulter und schenkte mir ein kokettes Lächeln, das mir alles verriet, was ich über Marilyn Monroe wissen musste: Sie wusste, wer sie war, sie wusste, wer ich war, sie wusste, was zu tun war, und vielleicht verstand sie das Licht besser als ich – und das würde mir zugutekommen. Tatsächlich hatte Marilyn mir gezeigt, was andere Fotografen, die sie fotografiert hatten, wussten – dass, wenn sie sich der Kamera zuwandte, der Fotograf nicht mehr als ein Techniker sein musste; es war fast so, als wäre sie sowohl die Fotografin als auch das Motiv.“ Er lernte sie auch tough kennen. Die letzte Kontrolle über ihre Bilder lag bei ihr. Kein Foto, das sie nicht persönlich freigegeben hatte, durfte veröffentlicht werden. Dias, die ihr nicht gefielen, zerschnitt sie. Es war nicht so, dass sie den voyeuristischen Blicken nur ausgesetzt war, sie steuerte und manipulierte diese Blicke auch für ihre Absichten. Über die berühmten Nacktbilder seines Shootings schreibt Schiller: „Marilyn bekam ebenfalls, was sie wollte: Sie nutzte ihr Aussehen, ihren Körper und ihre Fähigkeit, für Aufsehen zu sorgen, als Waffe gegen das Studio. Sie wollte sexuell im Mittelpunkt stehen – und das tat sie auch.“ Und das mit Bildern, von denen Schillers Tochter später sagte, es seien Fotos, „die alles sagten, aber nichts zeigten.“ Lawrence Schiller erlebte Marilyn Monroe auch in verletzlichen Momenten. Etwa wenn sie mit ihm darüber spricht, dass sie sich Kinder wünscht und zugleich Angst davor hat, welche zu bekommen.

SETBESUCH: Marilyn Monroe beim Dreh ihres letzten Films „Something’s Got to Give“ im Mai 1962; Credit: Lawrence Schiller, Courtesy TASCHEN and Holden Luntz Gallery

Marilyn war kein Mädchen aus der Provinz, das mit großen Träumen in die Filmmetropole kam. Sie war ein Kind Hollywoods, geboren in Los Angeles und sie kannte die Härten dieses Orts und seiner Industrie. Beide Elternteile arbeiteten im Maschinenraum der Traumfabrik, ihre Mutter Gladys war Cutterin, ihr Vater Charles Stanley Gifford Gladys’ Vorgesetzter. Marilyn sollte ihn nie treffen und erst 2021 wurde durch eine DNA-Analyse belegt, dass er tatsächlich ihr Erzeuger war. Ihr Leben begann chaotisch und mit wackeliger Identität. Gladys war noch mit einem Mr Mortensen verheiratet, als ihre Tochter das Licht der Welt erblickte. Wegen eines Schreibfehlers wurde sie als Norma Jeane Mortenson registriert, ihre Großmutter ließ sie aber unter dem Namen des ersten Mannes ihrer Tochter als Norma Jeane Baker taufen. Als sie herausfand, dass das Baby unehelich war, soll die psychisch labile Großmutter versucht haben, das Kind zu ersticken. Ein Jahr später starb sie in der Psychiatrie. Ihre ersten Jahre verbrachte Norma Jeane bei einer Pflegefamilie. Dann konnte ihre Mutter, die inzwischen ein Haus besaß, sie zu sich nehmen. Mit ihr und ihren Freundinnen lernte sie die Magie und die Religion des Kinos mit ihren Leinwandgöttinnen und -göttern kennen. Und sie bestärkten das Kind in dem Wunsch, ein Star zu werden. Mit etwa acht Jahren wurde die kleine Norma Jeane von einem Untermieter ihrer Mutter, einem etablierten Schauspieler fortgesetzt sexuell missbraucht. Zudem war Gladys mental instabil und musste über viele Jahre immer wieder in Kliniken eingewiesen werden. Bis zu ihrem 16. Lebensjahr wurde Norma Jeane in 12 verschiedenen Pflegestellen untergebracht und einmal auch für mehr als ein Jahr im Waisenhaus. Traumatische Erfahrungen, die in dem Mädchen einen unstillbaren Wunsch nach Zuneigung und Anerkennung weckten.

IHR LÄCHELN: Lawrence Schiller traf Monroe erstmals in ihrer Garderobe am Set des Films
„Let’s Make Love“ 1960; Credit: Lawrence Schiller, Courtesy TASCHEN and Holden Luntz Gallery

Doch wer meint, hier den Schlüssel zu ihrer Person gefunden zu haben, unterschätzt den Ehrgeiz, die Energie und Ausdauer und die Klugheit, mit der die junge Frau, die aus diesem Mädchen wurde, jede Möglichkeit wahrnahm, sich zu entwickeln, zu verbessern, Neues zu lernen, sich zu verändern. Sie tat das in ihren frühen Jahren als Fotomodel ab 1945 und erst recht später unter ihrem neuen Namen Marilyn Monroe im Filmbusiness. Und wer in ihr nur ein Opfer von Männern, Machtstrukturen und Medikamenten erkennt, der übersieht ihren Mut, sich gegen Studiobosse zu stellen und sogar ihre eigene Produktionsfirma zu gründen. Man darf Marilyn Monroe nicht mit Marilyn Monroe verwechseln. Menschen, die sie kannten berichten immer wieder, dass die Schauspielerin und die Figur, die sie auf der Leinwand und in der Öffentlichkeit darstellte, vollkommen unterschiedlich waren.

Am 1. Juni 1962 feierte Marilyn Monroe am Set von „Something’s Got to Give“ ihren 36. und letzten Geburtstag. Zwei Monate später starb sie. Schauspiel-Coach Paula Strassberg war ihre ständige Begleiterin beim Drehen; Credit: Lawrence Schiller, Courtesy TASCHEN and Holden Luntz Gallery

Ihre Filme werden heute nicht mehr sehr oft gezeigt. Das ist auch nicht nötig. Ihr Bild lebt unabhängig von ihnen weiter, ihr Leben ist die fesselndste und emotionalste Story. Vielleicht war ihre größte Rolle, Marilyn Monroe zu sein. Und diese Marilyn hat der Welt etwas geschenkt, das es so zuvor nicht gab, ein Bild von selbstverständlicher Sexualität, das nichts Verschämtes, Verklemmtes, Verborgenes, Bedrohliches oder Schmutziges an sich hatte. Sie räumte die Barrieren ab, die Gesellschaft, Religion und „Anstand“ zwischen den Menschen und ihrer Lust aufgetürmt hatten ein Jahrzehnt vor der sexuellen Revolution der 1960er.

Monroe zusammen mit Filmpartner Yves Montand 1960 in den Kulissen von „Let’s Make Love“. Zu der Zeit hatten die beiden eine Affäre; Credit: Lawrence Schiller, Courtesy TASCHEN and Holden Luntz Gallery

Marilyn Monroe verkörperte ein Versprechen. Darin, dass dieses und damit sie selbst zu einem Produkt gemacht wurde, liegt ein Teil ihrer Tragik und ihres Rätsels. „Ein Sexsymbol wird zu einem Ding. Ich hasse es, ein Ding zu sein,“ sagte sie einmal. Und „Ich wollte nie Marilyn sein. Es ist einfach passiert. Marilyn ist wie ein Schleier, den ich über Norma Jeane trage.“

Lawrence Schillers Portrait von Marilyn aus dem Mai 1962; Credit: Lawrence Schiller, Courtesy TASCHEN and Holden Luntz Gallery

Lawrence Schillers „Marilyn & Me“ zeigt einige der letzten und schönsten Momente des flüchtigen Paradieses, das Marilyn Monroe erschaffen hat. Es erzählt aber auch von dem Druck, unter dem es stand. Und Lawrence Schiller? Die Marilyn-Bilder machten ihn berühmt. Er nahm weitere ikonische Fotostrecken auf, wurde Autor und drehte Dokumentationen für Kino und TV. Heute lebt der 89-jährige in Bucks County, Pennsylvania. Seine Zeit mit Monroe fasst er so zusammen: „Ich war Fotograf, als ich Marilyn kennenlernte, und ich war Fotograf, als sie starb, aber in den Tagen, in denen ich in ihrer Nähe war, veränderte sich etwas in mir.“

Text von: Bernd Skupin

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