
Ihre Kunst umspannt neun Jahrzehnte. Von Kennern wird sie ebenso geschätzt wie vom Publikum geliebt. Ihre Ausstellungen verleiten zur Kontemplation und zum Erlebnis-Selfie. Und ihre Ästhetik ist in Fashion und Alltag eingezogen. Die japanische Künstlerin ist ein unbestrittener Megastar. Jetzt macht ihre grandiose Retrospektive Station im Museum Ludwig.
Muss man erst mal schaffen: mit 96 Jahren auf dem ersten Platz einer Liste der »Stars von morgen« zu landen. Gelungen ist das im letzten Herbst der japanischen Künstlerin Yayoi Kusama im »Kunstkompass«, der jährlichen Aufstellung der 100 weltweit gefragtesten lebenden Künstlerinnen und Künstler, die von der Zeitschrift »Capital« veröffentlicht wurde. Natürlich ist Kusama schon viel länger ein Star der Kunstwelt, mehr noch, eine lebende Klassikerin, sogar »eine Ikone wie Vincent van Gogh, Salvador Dalí, Frida Kahlo oder Andy Warhol«, wie Sam Keller sagt, der Leiter der Fondation Beyeler. Im komplizierten Bewertungssystem des »Kunstkompass«-Rankings steht der Titel denn auch für einen Aufstieg durch Anstieg der Punktezahl. Ironischerweise prägt nichts so stark Kusamas Kunst, steht nichts so sehr für sie wie Punkte. Sie überziehen ihre Werke, ganze Räume, beherrschen ihr Denken, ihren Kosmos. Für sie ist die Welt und alles auf und jenseits von ihr von Punkten durchdrungen. Und die versucht sie für uns andere sichtbar werden zu lassen. Das gelingt ihr erstaunlich gut – in einer zunehmenden Zahl von äußerst erfolgreichen und populären Ausstellungen und manchmal auch mithilfe von Modehäusern wie Louis Vuitton oder dem Luxusuhrenhersteller Richard Mille. Letzterer unterstützte die Fondation Beyeler in Riehen bei Basel großzügig bei der Ausrichtung einer aufwendigen und inhaltlich beeindruckenden Kusama-Retrospektive, die dort von Oktober bis Januar lief und nun in leicht modifizierter Form vom 14. März bis zum 2. August im Museum Ludwig in Köln Station macht, bevor sie dann von September bis Januar 2027 nach Amsterdam ins Stedelijk Museum weiterziehen wird. Mehr als 300 Arbeiten umfasst diese Retrospektive, darunter etliche Schlüsselwerke sowie begehbare »Infinity Mirrored Rooms«.
Yayoi Kusamas Kunst wie ihr Leben sind in vieler Hinsicht außergewöhnlich. Das zeigt sich schon darin, dass die in der Retrospektive ausgestellten Arbeiten neun Jahrzehnte umspannen. Für die Ausstellung wurden ganz neue Räume, begehbare Skulpturen realisiert und die ältesten Werke stammen aus dem Jahr 1934. Es sind Kinderzeichnungen der 1929 im japanischen Matsumoto geborenen kleinen Yayoi, die aber bereits von den Kreisen und Punkten überwuchert werden, die ihr Markenzeichen werden sollten und ihr Dasein schon damals prägten. Kusama wuchs in der Großgärtnerei ihrer streng konservativen Familie auf. Schon in sehr jungen Jahren erlebte sie psychische Krisen mit Halluzinationen. In ihrer Autobiografie »Infinity Net« erinnert sie sich: »Eines Tages betrachtete ich vor mir das rote Tischtuch mit dem Blumenmuster, und plötzlich sah ich überall rote Blumen, an der Decke, an den Fenstern und Pfosten. Das Zimmer, mein Körper, das ganze Universum war mit roten Blumen übersät, und schließlich löste ich mich auf. Ich kehrte in die unendliche Weite der Ewigkeit und in die Absolutheit des Raums zurück, ich wurde reduziert. Das war keine Illusion, das war die Wirklichkeit. Ich war zutiefst erschüttert. Mein Körper war gefesselt in einem grauenerregenden Infinity Net.« Mit dem psychologischen Begriff Depersonalisierung beschreibt sie selbst diese Erfahrung. Sie erlebte, wie auf dem Feld Abertausende Veilchen mit menschlichen Stimmen zu ihr sprachen, oder verlor sich in ihrer Heimatstadt, die ihr plötzlich völlig fremd erschien, stundenlang ohne jede Orientierung. Psychologische Hilfe gab es für sie nicht. Stattdessen versuchte sie ihre Eindrücke künstlerisch zu bannen. »Das Zeichnen beruhigte mich. Ich erholte mich von meinem Schreck und meiner Furcht. Das ist der Ursprung meiner Bilder«, schreibt sie. Schon in den 1950er-Jahren in Japan erschafft sie kleinformatige Bilder von tiefer Emotionalität, die zugleich in einer untergründigen Verbindung zu stehen scheinen mit dem Besten, was zur gleichen Zeit in Europa und Amerika an abstrakter Kunst entsteht. Sich selbst porträtierte sie 1950 als rosarote Blume, umringt von endlosen Spiralen.
Ende des Jahrzehnts geht sie in die USA, landet in New York. Dort trotzt sie Armut und sogar Hunger großformatige Leinwände ab, die sie mit fein gemalten Netzstrukturen überzieht, große, fast monochrome, aber wirbelnde und atmende Oberflächen, die ihr erste Anerkennung einbringen. Auch heute gehören sie noch zu den fesselndsten Werken ihrer Retrospektive.

Bald erobert Kusama die dritte Dimension, in der sie Kleidung, Möbel und sogar Boote mit unzähligen ihrer charakteristischen »Soft Sculptures« – weichen, phallischen Stoffobjekten – überzog. Später kommen innen komplett verspiegelte Räume dazu, in denen die Besucher ein Gefühl von Unendlichkeit befällt. Kusama entwirft Kleidung und startet Performances, teils mit nackten Teilnehmerinnen und Teilnehmern, deren Körper mit bunten Punkten bemalt sind. Die Schrecken des »Infinity Net« aus ihrer Kindheit wendet sie in etwas Positives, eine Aufforderung, eins mit allem zu werden, kombiniert mit politischen Botschaften gegen Krieg und Ausbeutung und für universelle Liebe. Schon 1968 vollzog sie als »Hohepriesterin der Punkte« in ihrer »Kirche der Selbstauslöschung« die Trauung eines homosexuellen Paares und entwarf aus diesem Anlass für die beiden Männer ein Kleid für zwei. Es ist also kein Wunder, dass ihre Retrospektive schon zu diesem Moment wirkt wie eine Gruppenausstellung mehrerer faszinierender Künstlerinnen.
Zu Beginn der 1970er ging Yayoi Kusama zurück nach Japan und zog einige Jahre später auf eigenen Wunsch in eine psychiatrische Klinik. Dort lebt sie bis heute. Ihre Arbeit hat das nicht beeinträchtigt. Zwar war sie in den 1970er- und 80er-Jahren in Vergessenheit geraten, doch als sie ausgewählt wurde, Japan 1993 auf der 45. Biennale von Venedig zu vertreten, begann ihre Wiederentdeckung und ihre zweite, ihre Weltkarriere. 2006 erhielt sie den als »Nobelpreis der Künste« bekannten Praemium Imperiale in der Sparte Malerei, 2017 wurde für ihr Werk in Tokio ein eigenes Museum eröffnet. Heute malt sie großformatige, stark farbige Bilder, die zwischen Mustern und Gegenständlichkeit changieren. Besonders ihre schwarz-gelben Riesenkürbisse sind zu ihrem Erkennungszeichen geworden. Und ihre labyrinthischen und mit riesigen aufblasbaren Tentakeln gefüllten Erlebnisräume lieben selbst jene Museumsbesucher, die eigentlich nur den perfekten Hintergrund für ihre Selfies suchen.

Kusamas Ambitionen, ihre Aktivitäten und ihre Popularität haben die Museumsmauern jedoch schon längst gesprengt. So hat sie 2012 und 2023 mit Louis Vuitton zusammengearbeitet und ihre Punkte auf Taschen und Kleidung appliziert. 2023 beugte sie sich sogar selbst als riesige aufblasbare Figur über das Louis Vuitton Maison an den Champs-Elysées in Paris, das bereits ihre gigantischen bunten Tupfen zierten. In New York stand die damals 93-Jährige als lebensecht wirkender Roboter im Schaufenster des Louis-Vuitton-Stores, der scheinbar Punkte an die Scheiben malte. Und in Tokio grüßte sie als monumentale digitale 3D-Animation von einem Display an der Spitze eines Hochhauses. Von Berlin bis Seoul waren sämtliche Vuitton-Boutiquen in Kusamas typischem Polka-Dot-Look dekoriert. Eine globale Kampagne ohnegleichen begleitete den Launch der zweiten Kooperation der Künstlerin mit dem Luxuslabel. Doch wer arbeitete hier für wen? Wer hat sich wen zunutze gemacht? Werden die Trägerinnen und Träger dieser Kleidungsstücke und Objekte selbst zu einem Teil von Kusamas Werk, zu Elementen des »Infinity Net«? Indem sie jene Punkte in die Welt hinaustragen, die für Yayoi Kusama das Aufgehen in diesem universellen, alles umfassenden Netz bedeuten, treten auch sie darin ein und werden – zusammen mit Louis Vuitton selbst – ein Teil des Kosmos der Künstlerin.

Auch für den High-End-Uhrenhersteller Richard Mille, der Kusamas Auftritt in der Fondation Beyeler mit ermöglichte, ist diese Künstlerin sicher eine besonders interessante Partnerin. Nicht nur, weil Richard Mille im obersten Preissegment auch mit seinem kulturellen Engagement vor allem im globalen Spitzenbereich aktiv ist, zum Beispiel mit dem »Richard Mille Art Prize« in Kooperation mit dem Louvre Abu Dhabi. Nein, es könnte auch sehr gut Kusamas rebellischer, exzentrischer und unangepasster Geist sein, der ein Haus reizt, das es wagt, Uhren, die zu den kostspieligsten der Welt zählen, ein extravagantes Design zu gönnen, das weit jenseits der Konventionen liegt und dabei ist, seine eigenen Traditionen zu schaffen. »Kann man sich an dieser Kunst sattsehen?«, fragte ein Rezensent der Kusama-Schau in der Fondation Beyeler und ließ die Antwort offen. Solange es in ihrer Kunst immer wieder Neues oder neues Altes zu entdecken gibt, besteht diese Gefahr nicht. Kusama bleibt wohl auch auf absehbare Zeit noch ein »Star von morgen«.
Text: Bernd Skupin
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