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Non conformiste: Fotograf und Filmemacher Jonas Lindstroem im Interview

Von Ingeborg Harms 23/03/2020
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Über seine eigene Generation reflektiert und dabei schonungslos ehrlich zu sprechen, ist eine Kunst. Jonas Lindstroem beherrscht sie wie auch seine Berufung, als Fotograf und Filmemacher zu arbeiten.Immer zu spüren: seine Nonkonformität. Seine starke eigene Meinung, wenn er darüber spricht, dass seine Generation einsam, spirituell und die individualisierteste aller Zeiten ist.

Vielleicht beschreibt er damit auch nur ein Wunschbild, aber gerade das macht ihn zum Künstler. Jonas Lindstroem – internationaler Modefotograf und Filmemacher – ist das Auge seiner Generation und zugleich ihr scharfer Analyst. Individueller denn je nennt er die 30-Jährigen, ichbezogen und gruppensehnsüchtig, entscheidungsschwach und nach starken Geschichtenbegehrend. Mehr Romantik, sagt er, würde ihnen guttun. Schon deshalb leben die Globetrotter Jonas Lindstroem und seine Lebensgefährtin, DJ Peggy Gou, in Berlin statt in London oder New York. Eine unorthodoxe Entscheidung des allseits gefragten Bilder-Poeten, der noch jede Herausforderung als Chance begriffen hat.

Sie fotografieren und filmen Kampagnen für Modemarken wie Hermès, Louis Vuitton und Calvin Klein. Dabei sind Sie erst 31 Jahre alt. Wie haben Sie das so schnell geschafft?

Ich fühle mich gar nicht mehr so jung, was aber auch ganz befreiend ist. Seit ich meine Freunde beim Skaten porträtierte, interessiere ich mich für Bilder und Gestaltung. Deshalb assistierte ich direkt nach der Schule dem Fotografen Joachim Baldauf. Als ich danach an der Berliner Universität der Künste zu studieren anfing, konnte ich meine Erfahrungen direkt umsetzen. Danach bin ich ziemlich nahtlos in die professionelle Arbeit eingestiegen.

Spielte das Internet in Ihrer Skater-Jugend eigentlich schon eine Rolle?

Ende der 90er steckte es noch in den Kinderschuhen. Wir hatten zwar eine Website, aber das meiste lief analog, wie etwa unser aus Druckseiten zusammenmontiertes Fanzine, das wir herausgaben. Skaten war damals eine Subkultur. Eine schöne Szene, um darin groß zu werden, überhaupt nicht kompetitiv.

Hatte das Gemeinschaftsgefühl der Skater mit dem Risiko zu tun, an physische Grenzen zu gehen? 

Es verschafft einem schon eine gewisse Souveränität, das Skaten zu beherrschen. Fast wichtiger ist dabei aber der Begriff des Flows. Nicht bei einem singulärenTrick, aber bei der Art und Weise, wie man sich den ganzen Tag auf dem Skateboard bewegt. Spüren Sie diesen Flow auch heute noch? Die besten Shooting-Tage fühlen sich so an. Wenn man sich einen Raum geschaffen hat, durch den man sich flüssig und frei bewegt, sodass eines ins andere übergeht und eine kontrollierte Improvisation entsteht. Nervenkitzel gehört auch dazu, denn Momente sind fragil und flüchtig. Ich muss mich für einen entscheiden, während ich die ganze Zeit denke: Den aber noch, das aber noch…

Ihre Arbeit bei Joachim Baldauf war prägend. Wie hat sich die Assistenz ergeben?

Ich hatte ein Portfolio zusammengebastelt und es an 300 Fotografen geschickt. Darauf haben sich ein paar gemeldet. Auf dem Weg in den Schweden­Urlaub sind wir dann in Hamburg bei Joachim vorbeigefahren. Drei Wochen später fing ich bei ihm an.

Ihr Vater kommt aus Schweden. Doch Sie sehen sich ganz bewusst als deutschen Fotografen …

… was nicht heißt, dass ich mich nicht mit Schweden verbunden fühle. Deutsche Firmen holen sich gern Leute aus dem Ausland, statt mit den eigenen Krea­ tiven zu arbeiten. Und ich dachte, warum dreht man das nicht um? Inzwischen ist es nicht mehr so wichtig, wo wir leben. Letztes Jahr war ich nur zwei Wochen in Berlin.

Sie haben sich auf die Düsseldorfer Becher-Schule berufen. Sie steht für eine spezifisch deutsche Tradition der Fotografie, für Konzeptualität und Sachlichkeit.

Ich mag den sachlichen Schritt zurück, emotionale Themen mit einer gewissen Nüchternheit zu beobach­ten. Meine Arbeit entspringt der Inszenierung, meine Bilder fangen im Kopf an. Ich bereite Projekte sehr genau vor. Das filmische Arbeiten hat das noch ver­stärkt, denn da muss man vorbereiten. Und genau das gibt einem dann die Freiheit, an Ort und Stelle etwas wieder umzuwerfen.

Ihre Filme wecken durch wenige starke Bilder die Fantasie des Betrachters, sodass jeder seine eigene Geschichte damit assoziiert. Ist das typisch für die heutige Smartphone-Generation: Jeder ist mit seinen Geschichten allein?

Wir sind individualisierter als je zuvor, es geht um das Allereigenste. Die Kommunikation ist heute viel mehr ich­ und weniger gruppenbezogen.

In Ihrem „Element“-Video für den Rapper Kendrick Lamar stehen aber Gruppen im Zentrum. Warum?

Einsamkeit bedeutet ja auch, dass man Sehnsucht nach Gruppen hat. Deshalb geht es auch in meinem Kurzfilm „Truth or Dare“ um den Kontrast zwischen der Einsamkeit und dem Verlangen nach Zugehörig­ keit. Diese Sehnsucht möchte ich visualisieren. Hier kommt schnell eine spirituelle Komponente hinzu. Viele suchen heute nach Halt.

Heißt das, dass Sie Andachtsbilder erschaffen?

Ich bin der Idee gar nicht so abgeneigt. Bilder sind schon immer Fluchtpunkte spiritueller Sehnsucht

gewesen. Ihre Kraft hat auch mit ihrer Trans­zendenzqualität zu tun. So verstehe ich meine Bilder, als Reduktion auf etwas Ikonisches. Eine Einstellung in „Truth or Dare“ erinnert an eine Kreuzabnahme. Durch das Innehalten in einem bewegten Moment erzeugen Sie etwas, das dem Gold- glimmern einer Ikone sehr nahekommt …

… da funktionieren bewegte Bilder besser als Fotografie. Und in „Element“ fährt in eine Gruppe gewalt- bereiter junger Männer eine Tanzbewegung.

Zu Anfang solcher Szenen stehe ich da und denke: Das wird nie so, wie du es dir vorstellst. Der Regisseur Werner Herzog hat mal gesagt, dass ihn immer am ersten Drehtag eine Ohn­ macht überkommt, weil er die Kontrolle über das Ganze hat und glaubt, es nicht zu schaffen. Aber man massiert das Bild immer weiter, und irgendwie formt es sich dann. Doch man muss vorsichtig sein, weil die Leute nicht unbedingt Schauspieler sind. Es ist gefährlich, ihnen zu viel zu sagen. Oft ist das Intuitivste, was sie machen, auch das Beste.

Sie haben Werner Herzog als Vorbild genannt. Jemanden, der in seiner Arbeit auch …

… sehr extrem die eigene körperliche Erfahrung sucht. Und spirituelle Erhellung. Er sagt, wahr ist nicht unbe­dingt das faktisch Vorhandene. Selbst in einer Doku­mentation sei der Realitätsanspruch sekundär, solange sie einen in irgendeiner Weise erleuchtet. Für mich geht es darum, sich der eigenen Existenz durch phy­sische Erfahrung bewusst zu werden, in einer weniger und weniger physisch werdenden Welt.

Warum produzieren Sie dann selbst Virtualität?

Ich weiß nicht, ob ich meine Arbeit als virtuell be­ schreiben würde. In ihrer schönsten Form hat sie eine räumliche Komponente. Auch wenn das Bild zweidi­mensional ist, erfährt man das Gesehene doch. Wir verlernen es, uns einem Moment singulär hinzugeben, egal, ob virtuell oder real. Alles, was heute technolo­gisch passiert, arbeitet eher dagegen. Heute wollen die Leute sich nicht mehr entscheiden, weder im Konsum noch in Beziehungen oder im Beruf. Ein Nein und ein Ja sind immer besser als so ein Durchschlängeln.

Ihre Bildsprache sagt, dass es nur noch Fragmente von Geschichten gibt. Heißt das, dass wir kein Schicksal mehr haben oder es jederzeit abwählen können?

Da ist vielleicht der Gedanke, dass – wenn man lange genug nichts entscheidet – man immer noch alles später entscheiden kann. Aber so bleibt man an der Oberfläche, was total okay, aber auch unbefriedigend ist.

„Starry Night“ ist ein Musikvideo, das Sie für Ihre Lebenspartnerin, DJ Peggy Gou, gedreht haben. Gibt es eine Affinität zwischen Peggys Techno-Sound und Ihrer Ästhetik?

Das muss man gar nicht auf Techno runterbrechen. Die besten Filme sind wie Musik und haben denselben Fluss. Techno ist eine fortlaufende Improvisation, ein bisschen wie Jazz, eine fortlaufende Ekstase, die sich immer wieder verändert. Ich weiß nicht, ob sich das in meinen Filmen wiederfindet. Die haben etwas viel Abgeschlosseneres.

Haben Sie Ihr Studium zügig durchgezogen, oder hat auch das Berliner Nachtleben eine Rolle gespielt?

Das Nachtleben war und ist essenziell. In den Clubs trifft man die Leute, mit denen man auch alles andere macht. Das ist das Schöne und das Gefährliche an Berlin.

Wollen Sie manchmal mit Kamera auf den Dancefloor?

Auf keinen Fall! Ich bin nicht der Fotograf, der immer die Kamera um den Hals hat und ans nächste Bild denkt. Mittlerweile beginnt meine Arbeit oft mit dem Schrei­ben. So kläre ich das Gefühl, das beim Shooting heraus­ kommen soll. Ich versuche, es in einen größeren Kontext einzuordnen. Und daraus ergeben sich dann die Szenen. Oft fühlt es sich im Kopf klein an, aber durchs Schreiben prüft man die Idee auf ihre Relevanz.

Spielt Hip-Hop für Ihre Ästhetik eine Rolle?

Total. Im Modus des Samplings. Wie sich Tracks zusam­menbauen, wie man Dinge einfließen lässt, so arbeitet man heutzutage auch mit Bildern.

Müssen Sie unter Druck sein, um die Idee für ein Projekt zu generieren?

Druck hilft immer. Ich arbeite in einer Branche, wo es Deadlines gibt und man die Idee produzieren muss. Aber große Ideen brauchen ihre Zeit. Das geht am besten, wenn man nicht viel zu tun hat und sich eine gewisse Langeweile einstellt. Neinsagen ist meine wichtigste Waffe. Aber ich bin der kommerziellen Arbeit sehr dankbar, weil sie mir Freiräume verschafft.

Impliziert die starke Individualisierung heute auch Nonkonformität?

Vielleicht, aber das Smartphone hilft dabei nicht. Die ganze Maschinerie, der wir uns hingeben, generiert sich aus der Vergangenheit. Jeder Algorithmus summiert, was ich schon gemacht habe. Sich nicht von der Vergangen­heit gefangen nehmen zu lassen und aus der Intuition zu handeln, finde ich wichtiger denn je. Doch kein Algo­rithmus kann in die Zukunft blicken. Amazon sagt: „Das hast du in den letzten Monaten gesucht, deshalb wird dir dies hier gefallen.“ Aber vielleicht gibt es das, was mir gefällt, noch gar nicht.

Das Interview führte Ingeborg Harms

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