Non-conformiste: Interview mit Sissel Tolaas - séduction Magazin Germany
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Non-conformiste: Interview mit Sissel Tolaas

Von Ingeborg Harms 27/03/2020
Credit: Christoph Mack

„Wir entfernen uns immer weiter von unseren Sinnen und unserem Körper. Aber was uns zu Menschen macht, sind Gefühle. Technologien haben keine Emotionen“, ist Sissel Tolaas überzeugt. Die in Berlin lebende norwegische Geruchsforscherin und Künstlerin beschäftigt sich mit unsichtbaren Realitäten und spricht im Interview von Ihrer Geruchsammlung 55 unterschiedlicher Städte. Und von ihrem neuesten Coup bei einer internationalen Modenschau…

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Sie zählt zu den bedingungslos neugierigen Menschen, die sich den Beruf für ihre vielen Interessen erst erschaffen müssen. Die in Berlin lebende Norwegerin ist Geruchsforscherin und Künstlerin, wobei sich eines nicht vom anderen trennen lässt.

Sehen Sie sich als Nonkonformistin?

Ja, vielleicht bin ich Nonkonformistin. Ich beschäftige mich mit unsichtbarer Realität. Mein Beruf ist ein professionelles Dazwischen-Sein.

Sie haben für Ikea und Volvo einen „schwedischen Geruch“ entwickelt …

Es geht darum, dass der Kunde seine Identität kennen- und verstehen lernt, also: Wie riecht Adidas? Wie riecht Ikea?

Würden Sie das bitte am Beispiel Adidas erläutern?

Die Firma Adidas besteht aus vielen Faktoren, nicht nur physischen, sondern auch psychologischen: Materialien, Plastik oder Leder, Schweiß, Natur, Umweltverschmutzung. All diese unsichtbaren Dinge beeinflussen mein Vorgehen. Nehmen wir an, sie haben einen neuen Schuh im Geschäft. Er ist aus neuartigem Material, unter dem Einsatz modernster Technik zusammengefügt. Wie bringt man ihn potenziellen Kunden näher? Dank eines bestimmten Geruchs versteht man seine Eigenschaften viel besser. Denn der Geruchsinn aktiviert sofort die Emotionen und das Gedächtnis des Menschen. Er liefert die ehrlichste Information.

Gab es in Ihrer eher kalten norwegischen Heimat überhaupt Gerüche?

Gerüche gibt es überall, sogar auf dem Mond. Ich komme aus einer Hafenstadt, in der es früher sehr nach Fisch roch, über die Jahre wurden wir jedoch zum „Kuwait des Nordens“, zu einem Epizentrum des Öls.

Was war ausschlaggebend für Ihr Interesse an Gerüchen?

Das Wetter. In Norwegen spricht man ständig darüber, über gutes oder schlechtes, obwohl es so viele Wetterlagen gibt. Ich habe mir mehr verbale Ausdruckformen gewünscht.

Haben Sie aus diesem Grund neun Sprachen erlernt?

Ja. Als Kind wollte ich auch wissen, warum es weißes Wasser gibt oder ob ein Wasserfall aus Milch besteht. Ich habe organische Chemie studiert, um Wetterexperimente machen zu können und die Sprache über das Wetter zu erweitern.

Eine Ihrer ersten Arbeiten war ein Hurrikan in einem Kleiderschrank …

Der ist immer noch in meinem Schrank. Ich habe ihn aus dem Kontext gerissen. Das ist generell meine Arbeitsweise: Ich recherchiere und prä- sentiere die Ergebnisse anschließend in einem kreativen Umfeld. Bei einem dieser Wetterexperimente kam es zu einer Explosion, und es roch nach faulen Eiern. Dieser Moment hat mein Leben verändert.

Wie alt waren Sie damals?

17 oder 18. Die Explosion brachte mich auf die Idee, etwas zu studieren, wodurch ich diesen unsichtbaren Gestank und die in der Luft versteckten Informationen besser verstehe. Ich habe viele andere Fächer studiert, ohne genau zu wissen, wo es hingehen sollte. Damals gab es praktisch keine Geruchsforschung, die nicht vom Marketing bestimmt gewesen wäre.

Zum Studieren sind Sie in den Ostblock, nach Warschau gegangen …

Ich war mir bewusst, dass ich eine Welt betreten würde, die noch nicht erforscht war. In Polen und Russland gab es kaum Zugang zu geeigneten Materialien und Ressourcen. Ich musste mit beschränkten Möglichkeiten arbeiten. Ich war auf mich gestellt, das Einzige, worauf ich zurückgreifen konnte, waren meine Gedanken und meine Sprache. Die war essenziell, da ich die Ergebnisse kommunizieren wollte.

Hat es Ihren Verstand geschärft, mit geringen Ressourcen zu arbeiten?

Der Auslandsaufenthalt hat mich zu hundert Prozent verändert, vor allem mein Selbstbewusstsein. Ich habe so viel über Kommunikation gelernt. Im Osten spielte sich Politik oft in der Kirche ab. Die Predigten klangen priesterlich, aber zwischen den Zeilen ging es um gesellschaftlich und politisch relevante Themen. Ich habe mir diese Art Geheimsprache angeeignet.

Kommt Ihr starker Wille daher, dass Sie sich gegen­ über fünf Schwestern behaupten mussten?

Nein, ich hatte kein enges Verhältnis zu meiner Familie. Meine Mutter war sehr jung, als sie mich bekam, wes­halb ich zum Babysitter meiner Schwestern wurde und von klein auf Verantwortung übernehmen musste. Ich entwickelte früh diese Selbstständigkeit. Als ich damals entschied, in die Sowjetunion zu gehen, war das eine Re­volution in meiner Familie. Sie dachten, ich sei verrückt.

Stimmt es, dass Sie Material der Solidarnosc geschmuggelt haben?

Ja, viel sogar. Ich schmuggel­te es nach Berlin und Oslo. Filme, die ich dann Zeitun­gen übergab.

War das nicht gefährlich?

Ja, natürlich. Aber das ist Teil des Spiels.


Sie haben „SmellScapes“ für Städte entwickelt. Ist eine Geruchsabgrenzung von Orten heutzutage überhaupt noch möglich?

Meine Ausrüstung ermöglicht es mir, unter die Ober­fläche zu schauen und sogar in andere Zeiten zu reisen. Der Geruch New Yorks unterscheidet sich sehr von dem Berlins. Meine Sammlung enthält die Gerüche von 55 Städten.

Geruch lässt sich nicht mit einer App aufs Smart­phone holen.

Wir entfernen uns immer weiter von unseren Sinnen und unserem Körper. Aber was uns zu Menschen macht, sind Gefühle. Technologien haben keine Emotionen. Jetzt soll virtuelle Realität uns Empathie lehren. Also bitte!

Die westliche Welt ist Vorreiter in der Geruchs­

bekämpfung.

Marketing hat ganze Arbeit geleistet. Es hat desinfiziert, parfümiert, sterilisiert. Aber Chemie, Biologie und Neu­rowissenschaften zeigen uns, dass wir Bakterien und Gerüche auf unserem Körper zulassen sollten. Übertrie­bene Sauberkeit ist nicht hilfreich. Das Immunsystem wird in dem Maße gestärkt, als man Mut hat, ein wenig schmutzig zu sein. Unser Geruchssinn weiß nichts von gut und schlecht. Menschen, Kakerlaken und Ratten sind die größten Generalisten der Erde. Ihnen ist es egal, wo sie sexuelle Partner und Nahrung finden. Aber wir lernen nur noch, die Welt anzusehen, nicht, sie zu berühren, zu schmecken oder zu riechen. Das würde uns tolerant machen. Akzeptanz ist ein Überlebens­mechanismus.

Sie sagen, dass unser Geruch zu unserer Identität gehört.

Wir besitzen eine Geruchsidentität, die so einmalig ist wie unser Fingerabdruck. Darüber legen sich andere Informationen. Wir riechen heute das Deodorant vor der Muttermilch.

Sie arbeiten aktuell für die Modemarke Balenciaga. Was reizt Sie daran?

Ich habe den Geruch für das Defilee entwickelt. Aber ich mache keinen Balenciaga­-Duft. Generell würde ich nie ein Parfum entwickeln. Heute bin ich bei jeder Kooperation sehr vorsichtig. Ich frage mich, ob sie Substanz, ob sie Potenzial hat und ob es keine Konkurrenzsituation ist.

Bringt es auch Ihre Arbeit voran?

Ja, ich konzentriere mich auf Forschung, Kommerz und Innovation. Ich verdiene Geld, mit dem ich forschen kann, und die Ergebnisse lanciere ich in Kunst, Architek­tur, Design und Erziehung. Eine ganze Welt muss ihren Geruchssinn üben, die Aufgabe ist unendlich.

Für Adidas haben Sie einen Käse mit dem Schweiß­geruch David Beckhams entwickelt.

Wir wollten zeigen, dass Bakterien etwas Positives sein können. Ich habe auch Käse von Bill Gates’ Achselhöhle und Olafur Eliassons Tränen gemacht.

Fällt das noch unter Marketing?

Nur in dem Sinne, dass sie sich etwas trauen. In dieser Hinsicht gab es viele Reaktionen. Wenn ein Unterneh­men ein Risiko eingehen will, dann rufen sie mich an.

Sie sagten, dass unser Geruchsarchiv mit der Pubertät abgeschlossen wird.

Nein, aber der Lernprozess findet in den frühen Lebens­stadien statt. Im Kindergarten, wenn wir Erde in den Mund stecken, fangen wir an, mit allen Sinnen zu begrei­fen. Das endet nicht, aber die Eindrücke wiederholen sich, man nimmt sie kaum noch wahr. Mit drei Jahren rieche ich bewusst und verbinde den Geruch mit Inhalt. Dieser Kontext bleibt mir, bis ich sterbe.

Und doch sind Gerüche kein Konversationsthema.

Wir sitzen nicht in einer Dinnerrunde und reden darüber, wie die anderen riechen. Wir sprechen darüber, wie wir aussehen. Stellen Sie sich vor, jemand würde sagen: „Ah, du riechst interessant, was hast du letzte Nacht gemacht?“ Das würde sofort eine spielerische, lustvolle Note in den Abend bringen. Dabei genießen wir die ausschließliche Konzentration auf den Gesichtssinn längst nicht mehr, er ist anstrengend geworden.

Sie engagieren sich auch für die Umwelt.

Im Berner Naturhistorischen Museum habe ich gerade den Geruch ausgestorbener Pflanzen gezeigt. Das ist Hardcore­Wissenschaft, die Sequenzierung von DNA. Pflanzen sind immer schon ausgestorben, das ist nicht der Punkt, sondern: Sind wir fähig, dieses Aussterben mit unserem Körper zu verstehen? Wir besitzen unglaubliche Schnittstellen in unseren Sinnen. Können wir das sinn­liche Selbstbewusstsein zurückgewinnen, das Vertrauen in unsere körperliche Erkenntniskraft?

Es geht um eine verlorene Autonomie.

Und all das ist umsonst! Wir können uns die Welt selbst erschließen. Mein Leben hat es komplett verändert. Ich bin nie glücklicher gewesen.