Werbung
Parfum Trends

Parfumeur Thierry Wasser über Düfte, Kunst, Genuss und Mode

Von Habib Yaman 20/11/2019
S

Seit elf Jahren ist Thierry Wasser Chefparfumeur von Guerlain, die Düfte herstellen, die bereits von Kaisern und Königen geschätzt wurden. Regina Stahl traf den gebürtigen Schweizer in Paris – und entdeckte, dass er neben seiner olfaktorischen Expertise weitere interessante Facetten zu bieten hat.

Guerlain war vier Generationen in Familienbesitz, bevor das Label 1994 vom Luxuskonzern LVMH übernommen wurde. Sie sind jetzt die fünfte Generation und der erste Chefparfumeur, der von außen dazukam. Waren Sie befangen? 

Nicht wirklich. Ich habe es als eine große Ehre betrachtet, alsa mich Laurent Boillot, der Präsident von Guerlain, fragte, ob ich bereit wäre, Nachfolger von Jean-Paul Guerlain zu werden. Hätte ich nicht gewusst, wer er war – ich wäre nah dran gewesen zu glauben, mich nimmt jemand auf den Arm. Bisher hatte ich ja schon viele Düfte für unterschiedliche Firmen kreiert. Aber Chefparfumeur zu werden, das spielt in einer ganz anderen Liga, die es auch nur im absoluten Luxussegment gibt.

Haben Sie Jean-Paul Guerlain, den Ururenkel des Firmengründers Pierre-François-Pascal Guerlain, noch treffen können? Gab es eine Art Übergabe, oder waren Sie völlig auf sich gestellt? 

Sicher ist es nicht einfach, sein Metier einem Jüngeren zu überlassen. Aber als wir uns erst mal beschnuppert hatten, konnten wir sogar eine Art Vater-Sohn-Beziehung aufbauen. Ich habe viel davon profitiert, denn bis zu diesem Zeitpunkt musste ich nur Düfte entwickeln, basta. Als Chefparfumeur bei Guerlain geht es um so viel mehr. Flakon, Verpackung, Kontakt zu den Herstellern von Rohstoffen. Bis 2010 haben wir sozusagen Seite an Seite gearbeitet.

Hatten Sie bis zu dieser Zeit bereits persönliche Lieblingsdüfte von Guerlain? 

Das war „Mitsouko“, 1919 von Jacques Guerlain kreiert. Und „Habit Rouge“, den Jean-Paul 1965 gemacht hat. Seit meinem 13. Lebensjahr habe ich kein anderes Parfum benutzt.

Woher beziehen Sie Ihre Inspirationen? 

Das kann ein Augenblick sein, ein interessantes Gespräch, eine Landschaft. Dinge, die eine Geschichte erzählen.

Auch eine Stadt? Sie haben ja lange in New York gelebt, und jetzt in Paris. Wonach würde ein Duft für New York riechen? Und wonach einer für Paris? 

Ich möchte mich jetzt nicht auf bestimmte Duftstoffe festlegen, aber ich kann die Richtung einer olfaktorischen Story markieren. New York steht für Lärm, Stress, Schnelligkeit. Schmale und hohe Gebäude. Da müsste eine gewisse Nervosität vorkommen. Paris ist viel klassischer, die Bauwerke sind ausgebreiteter wie zum Beispiel der Louvre. Ich würde da eher eine ruhigere Eleganz mit mehr Tiefe bevorzugen.

Sie sind ja ständig auf Reisen zu den internationalen Herstellern von Rohstoffen. Geben Sie uns einen Einblick in Ihre Agenda? 

Im Februar ist das Ende der Bergamotte-Ernte, die im November in Süditalien beginnt. Ich bin vor Ort, um die Qualität der Öle zu überprüfen. Im März reise ich nach Tunesien – Orangenblüten werden destilliert. Mai ist der Monat der Rose. Bulgarien, Türkei, Südfrankreich. Mein persönlicher Favorit ist die Bulgarische Rose. Dann Süditalien, Ägypten oder Indien für die Ernte von Jasmin. Sie beginnt im Juni und endet im Oktober. Essenzen von Sandelholz kaufe ich in Australien oder Sri Lanka. Aber da ist die Jahreszeit egal, denn es ist kein saisonales Produkt.

Haben Sie überhaupt noch Zeit für private Reisen? 

Nur um Weihnachten. Mein Ehemann stammt aus Texas, wir treffen uns dort mit seinen Eltern und fahren entweder zum Skilaufen nach Aspen oder zum Strandurlaub nach Mexiko.

Und wo leben Sie in Paris? 

In Neuilly-sur-Seine. Wir bewohnen zurzeit noch ein Appartement, renovieren aber ein Haus in der Nachbarschaft. Ich liebe meinen Ausblick, wir schauen auf den Eiffelturm, den Arc de Triomphe, den Bois de Boulogne. Und ich habe ein Faible für Kunst. Moderne Kunst, aber nicht Contemporary Art. Mein erstes Gemälde, ein wirklich großes, 1,30 m auf 1,50 m, habe ich 1988 auf einer Auktion in dem damals sehr bekannten „Hôtel Drouot“ ersteigert. Mir blieb fast das Herz stehen, als der Hammer bei 750.000 Francs runtersauste. Eine enorme Summe, ich war damals erst 27. Aber es ist ein gutes Bild, von einem Picasso-Schüler, Roberto Matta, der 1911 in Chile geboren wurde. Es hat mich immer begleitet, auch als ich in New York gelebt habe.

Kaufen Sie für zu Hause auch Blumen? Oder braucht Ihre Nase eine Auszeit? 

Oh nein, ich liebe Blumen, beruflich wie privat. Mein Lieblingsladen ist Gilles Pothier in der Avenue Poincaré. Da gibt es die wunderbare Piaget-Rose, die wohl mal für den Juwelier Yves Piaget gezüchtet wurde. Intensiv pink und mit einem herrlichen Duft.

Finden Sie nicht auch, dass Riechen und Schmecken zusammengehören? 

Absolut. Aber ich hasse Gerüche, die aus der Wohnung nebenan nach draußen dringen. Aber Duft nach gutem Essen kann herrlich sein. Ich bin ein Fan der klassischen lyonesischen Küche und habe früher viel gekocht. Jetzt gehen wir aus Zeitgrün- den lieber in ein Restaurant. Mein Favorit ist das Dessirier am Place du Maréchal Juin. Ich nenne es unsere Kantine!

Haben Sie auch ein Lieblingsgetränk? 

Definitiv Dom Pérignon. Für mich der beste Champagner überhaupt, obwohl ich immer „Wein“ dazu sage. Ich habe sogar mal auf Instagram gepostet, dass ich total „Dom Pérignonized“ war.

2012 haben Sie den Duft „La Petite Robe Noire“ kreiert, eine Hommage an das Kleine Schwarze. Ist das nicht ungewöhnlich für ein Label, das gar nichts mit Mode zu tun hat? 

Das war eine Idee unserer Marketingchefin Ann Caroline Prazan. Sie ist ein echtes Girly Girl, eine Baby Doll mit den längsten Klimperwimpern, die man sich vorstellen kann. Jeder Mann, selbst ich, betet sie an und wird von ihr um den Finger gewickelt. Sie konfrontierte mich mit ihrer Idee, mir ein Parfum auszudenken, das „La Petite Robe Noire“ interpretieren sollte. Zuerst war ich fast schockiert, weil Guerlain – wie Sie ja selbst gesagt haben – ein Haus ist, das für Düfte, Make-up und Pflege steht. Aber je länger ich mich damit befasste, desto mehr Gefallen fand ich an dem Konzept. Ich mag es sehr, auch mal Dinge zu tun, die den erwarteten Rahmen sprengen.

Haben Sie sich ausschließlich auf schwarze Aromen konzentriert? 

Daran denkt man automatisch zuerst. Also: Was duftet nach Schwarz? Tee. Lakritze. Schwarze Kirsche. Tonkabohne. Patschuli. Das macht schon mal fünf Nuancen. Aber das wäre zu simpel. Ich begann mir vorzustellen, aus welchem Material das Kleid sein könnte. Seide? Wolle? Spitze? Samt? Oder Crêpe de Chine? Ich entschied mich für Letzteres, denn der Duft war bisher zu schwer. Es fehlte die Leichtigkeit, etwas Spritziges, um dem Parfum Charme zu verleihen. Also reicherte ich die bisherige Formel mit Akkorden von Bulgarischer Rose, Orangenblüte und Jasmin an. Aber, wie gesagt, „La Petite Robe Noire“ war nicht meine Idee, sondern lediglich eine Interpretation von Ann Carolines Wunsch.

Interessieren Sie sich persönlich auch für Mode? 

Diesbezüglich bin ich total langweilig. Ich trage ausschließlich Anzüge von Dior, Schuhe von Berluti, Krawatten von Charvet. Meine Hemden kaufe ich bei Pink in der Londoner Jermyn Street. Sie sind besonders lang geschnitten und rutschen deshalb niemals aus dem Hosenbund, was für mein Empfinden ungepflegt aussieht. Ich bin eher der klassische Typ. Aber mit Mode hat das nicht viel zu tun.

Was werden Sie nach unserem Gespräch tun? 

Ich gehe zurück ins Labor. Dort arbeite ich pro Woche drei Tage, meistens zehn Stunden. Mittwochs bin ich in unserer Fabrik. Freitags finden Konferenzen im Hauptquartier statt.

Mit Ihren vielen Reisen bleibt wohl kaum Zeit für ein Hobby? 

Leider lässt das mein Kalender nicht zu, was ich zutiefst bedaure. Seit meiner Kindheit liebe ich klassische Musik und hatte sogar mal ein Abonnement für das Théâtre des Champs-Élysées und die Philharmonie de Paris, aber meistens habe ich die Tickets verschenkt, weil ich unterwegs war. Golf wäre zu zeitaufwendig, aber eventuell eine Option, wenn ich eines Tages privatisiere.

Sie könnten doch auch ein Buch über Ihr Leben als Parfumeur schreiben. Das würde sicher viele interessieren. 

Keine schlechte Idee. Ich werde Ihren Tipp mal in meinem Gedankenarchiv ablegen.

Interview: Regina Stahl

Credit: Oliver Spies

Werbung