
Seols Größe und wirtschaftliche Bedeutung bestimmen den Blick auf Südkorea von außen. Wer das Land über die Hauptstadt hinaus betrachtet, findet weiter südlich jedoch andere Bezugspunkte. Rund 300 Kilometer südöstlich liegt Gyeongju, über Jahrhunderte Zentrum des Silla-Reichs. Weiter im Süden folgt Jeju, eine Vulkaninsel mit eigener Landschaft, Küstenkultur und Küche. Beide Orte zeigen, wie unterschiedlich sich Geschichte und Alltag innerhalb des Landes entwickelt haben und wie eng Architektur, Landwirtschaft und Ernährung an regionale Bedingungen gebunden sind.
Auf den Spuren des Silla-Reichs
Gyeongju war von 57 v. Chr. bis 935 n. Chr. Hauptstadt des Silla-Reichs. Viele historische Anlagen liegen heute mitten im Stadtgebiet. Grabhügel, Tempel und ehemalige Palastareale befinden sich zwischen Wohnvierteln, Straßen und Grünflächen. Die UNESCO nahm die Gyeongju Historic Areas im Jahr 2000 in die Welterbeliste auf.

Der Daereungwon-Komplex gehört zu den wichtigsten historischen Orten Gyeongjus. Seine großen, mit Gras bedeckten Grabhügel stammen aus der Silla-Zeit. Einer von ihnen ist Cheonmachong, das sogenannte Himmelspferdgrab, das 1973 ausgegraben wurde. Goldobjekte, Schmuck und Teile von Pferdegeschirr aus dem Grab geben Einblick in Bestattungskultur, Handwerk und gesellschaftliche Hierarchien des Reichs. Östlich des Zentrums liegen Bulguksa und die Seokguram-Grotte am Berg Tohamsan. Beide Anlagen stammen aus der Silla-Zeit und gehören seit 1995 zum UNESCO-Welterbe. Bulguksa zählt zu den bedeutenden Beispielen buddhistischer Tempelarchitektur in Korea, während Seokguram als künstlich angelegte Steingrotte konzipiert wurde. In ihrem Zentrum sitzt eine Buddhafigur aus Granit. Die beiden Orte zeigen, welchen Stellenwert der Buddhismus in der Kultur des Silla-Reichs hatte.
Reis, Gemüse und fermentierte Beilagen
Auch die regionale Küche lässt sich gut über typische Gerichte und Zutaten erschließen. Ssambap gehört zu den Spezialitäten, die eng mit Gyeongju verbunden sind. Reis wird zusammen mit Gemüse, Fleisch oder Fisch, Saucen und verschiedenen Banchan serviert und in frische Blätter gewickelt. Dazu kommen häufig Doenjang, fermentiertes Gemüse und Suppen. So entsteht eine Mahlzeit aus mehreren kleinen Gerichten, die gemeinsam am Tisch gegessen werden.
Ein zweites Produkt der Stadt ist Hwangnam-ppang. Das Gebäck wurde 1939 im Gyeongjuer Viertel Hwangnam-dong entwickelt und besteht aus einem dünnen Teig mit roter Bohnenpaste. Heute gehört es fest zum kulinarischen Bild der Stadt. Interessant ist daran auch die Verwendung roter Bohnen, die in Korea traditionell nicht nur in herzhaften Gerichten, sondern ebenso in Süßspeisen vorkommen.
Eine Insel aus Lava
Auf Jeju verändert sich das Landschaftsbild. Die Insel ist vulkanischen Ursprungs, in ihrem Zentrum liegt der knapp 1.950 Meter hohe Hallasan, der höchste Berg Südkoreas. Rund um ihn verteilen sich mehr als 360 kleinere Vulkankegel, auf Jeju Oreum genannt. Hallasan, Seongsan Ilchulbong und das Geomunoreum-Lavaröhrensystem gehören seit 2007 zum UNESCO-Weltnaturerbe.
Jejus vulkanischer Ursprung zeigt sich nicht nur an den Küsten, sondern auch in den dunklen Steinmauern und auf den Feldern der Insel. Die porösen Böden lassen Wasser schnell versickern, weshalb Nassreis hier historisch weniger verbreitet war als auf dem Festland. Stattdessen wurden unter anderem Gerste und Hirse angebaut, während Fisch, Algen und Meeresfrüchte einen wichtigen Teil der lokalen Ernährung ausmachten.
Arbeit unter Wasser
Ein wichtiger Teil der Küstenkultur Jejus sind die Haenyeo. Die Freitaucherinnen sammeln ohne Sauerstoffgeräte unter anderem Abalone, Seeigel und Algen. Ihr Wissen über Strömungen, Wetter, Tauchplätze und marine Bestände wird über Generationen weitergegeben. Seit 2016 gehört ihre Kultur zum immateriellen Kulturerbe der UNESCO.

Die Haenyeo waren über Generationen ein wichtiger Teil der lokalen Wirtschaft und trugen zugleich zu einer stärkeren Stellung von Frauen innerhalb der Küstengemeinden bei. Die Arbeit folgt überlieferten Kenntnissen über das Meer und die Nutzung seiner Ressourcen. Damit steht die Tradition nicht nur für eine Form des Fischfangs, sondern auch für gemeinschaftlich organisiertes Wissen, das bis heute weitergegeben wird.
Was auf Jeju auf den Tisch kommt
Auf Jeju kommen viele Zutaten direkt von der Insel oder aus dem Meer. Abalone, Seeigel, Fisch und Algen stehen ebenso auf dem Speiseplan wie das Jeju-Schwarzschwein. Es wird gekocht, in Suppen verarbeitet oder über Holzkohle gegrillt. Dazu gibt es häufig Meljeot, eine fermentierte Sardellensauce mit intensiv salzigem Geschmack. Daneben ist Jeju für den Anbau von Zitrusfrüchten bekannt. Besonders verbreitet ist Hallabong, eine großfruchtige Zitrussorte, die auf der Insel kultiviert wird. Sie wird frisch verkauft, aber auch zu Säften, Süßwaren und anderen Produkten verarbeitet.
Nur wenige hundert Kilometer trennen Gyeongju und Jeju, trotzdem könnten die beiden Orte kaum unterschiedlicher sein. Gerade dieser Wechsel macht die Route spannend und zeigt, wie vielfältig Südkorea abseits von Seoul ist.
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