
Chile, Land der Extreme: Verschiedene Klimazonen und ambivalente Szenerien entschleunigen nachhaltig. Umso mehr, wenn man in handverlesene Refugien wohnt, die modernstes Design ganz behutsam mit der Landschaft verschmelzen.

Obwohl die meisten wegen der Natur nach Chile reisen, lohnt sich auch ein kurzes urbanes Vorspiel, schließlich kommt man von Europa aus ohnehin erst mal in Santiago de Chile an. Vor allem die Food-Szene kann sich sehen lassen, gilt sie doch als eine der aufstrebendsten Südamerikas. Im Barrio Italia, dem entspannten »Dorf« in der Stadt, weht ein fast ländlicher Wind durch die Alleen mit ihren niedrigen, einstöckigen Kolonialhäusern. Handwerker restaurieren in Hinterhöfen antike Möbel, während nebenan bunte Street-Art-Wände und kleine Cafés eine Bohème-Stimmung verbreiten. Oder Lastarria – das »intellektuelle Herz«: Hier sind die Straßen geprägt von neoklassizistischen Fassaden und man stöbert sich durch kleine Buchläden und Antiquitätenmärkte, die sich unter den riesigen, alten Bäumen des angrenzenden Parque Forestal ausbreiten.

Zwei, drei Tage aber reichen in der Hauptstadt, schließlich soll die Natur auf dem Rest des Trips zur Hauptdarstellerin werden. Und wie sie sich ins Zeug legt dafür! Von Santiago erreicht man in etwa zwei Flugstunden Calama. Von dort ist es noch mal eine gute weitere Stunde bis zu den Hotels in und bei San Pedro auf 2400 Metern – am Rande der Atacama, der trockensten Wüste der Welt. Das »Tierra Atacama« liegt am östlichen Rand des Dorfes in einem alten Ayllu, einem traditionellen indigenen Anwesen. Es besticht durch ein luftiges, modernes Design aus Glas und Adobe-Lehmziegeln – immer im Blick: der Vulkan Licancabur. Und im »Uma Spa« gibt es Behandlungen mit lokalen Inhaltsstoffen wie Wüstenschlamm, Honig oder Schafsmilch.




Das »Nayara Alto Atacama« liegt etwas versteckter und dramatischer, circa 3 Kilometer außerhalb des Dorfes im Catarpe-Tal, direkt am Fuß roter Sandsteinfelsen. Das Hotel ist in die Felswand integriert und bietet sechs Außenbecken mit unterschiedlichen Temperaturen. Und fürs Ankommen empfiehlt sich die »Puri-Spa-Triologie«: eine Signature-Anwendung, die Gäste am ersten Tag zur Akklimatisierung empfohlen wird. Diese Art von Eingewöhnung hat man auch nötig, wenn man etwa die El-Tatio-Geysire besuchen will: Los geht es gegen 4.30 Uhr morgens in der Dunkelheit – auf über 4300 Meter Höhe. Sobald die ersten Sonnenstrahlen über die Bergrücken blitzen, schießen überall weiße Dampffontänen aus dem Boden. Oder das Valle de la Luna (Tal des Mondes): Wenn die Nachmittagssonne tief steht, verwandelt es sich in eine surreale, orange-rote Krater-Landschaft aus Salz, Sand und Stein – so, wie man sich den Mars vorstellt. Überall knackt es leise, weil sich das Salz bei Temperatur-wechseln ausdehnt. Und wer noch mehr extraterrestrische Erfahrungen sucht, kann den Blick nach oben richten: Das »Nayara Alto Atacama« verfügt über ein eigenes Observatorium zur Sternenbeobachtung; da die Wüste so trocken ist, klappt das hier fantastisch.


Die nächste Station könnte unterschiedlicher kaum sein: Von der trockensten Wüste der Welt geht es tief in den chilenischen Lake District mit gemäßigtem Regenwaldklima. Via Santiago erreicht man in eineinhalb Flugstunden Puerto Montt. Von dort sind es noch etwa 45 Minuten entlang des glitzernden Llanquihue-Sees zum »Hotel AWA«. Erster Gedanke: dieser View! Man sieht den perfekt geformten, schneebedeckten Kegel des Vulkans Osorno von jedem Zimmer aus (alle verfügen übrigens auch über einen eigenen Kamin). Nach der Trockenheit der Wüste tut nicht nur die kühle, nach See und Wald duftende Luft gut, auch eine »AWA Deep Tissue Hydration« regeneriert die Haut mit regionalen Ölen. Früh aufstehen lohnt auch hier, wenn man direkt am hoteleigenen Steg in der Stille des Morgens über das Wasser gleitet, während der Vulkan Osorno gespiegelt die Form eines Diamanten annimmt. Vom Steg kann man sich auch von einem Wasserflugzeug abholen lassen und über das tiefblaue Labyrinth der Seen gleiten.


Das »AWA« mag sich zwar anfühlen, als könne man dem Ende der Welt kaum näher kommen; doch es geht noch mehr. Wieder via Santiago erreicht man das 3700 Kilometer vom Festland entfernte Rapa Nui, die mystische Osterinsel mit polynesischem Flair. Das Hotel »Nayara Hangaroa« liegt nur wenige Minuten vom Flughafen entfernt, am Rand des einzigen Ortes der Insel. Statt nach Kaminfeuer duftet es nun nach Salz und Hibiskus. Das Hotel ist ein architektonisches Meisterwerk und dem zeremoniellen Dorf Orongo nachempfunden. Sie flachen Gebäude mit ihren begrünten Dächern schmiegen sich so perfekt in die Landschaft ein, dass sie aus der Ferne kaum zu sehen sind. Auch das Spa greift eine lokale Form auf: die einer antiken »Manavai«, eines Steinkreises zum Schutz von Pflanzen. Wer bislang eher langschläferisch unterwegs war, sollte nun einmal wirklich zeitig aus den Federn – zum Sonnenaufgang am Ahu Tongariki. Es ist ein magischer Moment, wenn sich der rote Feuerball hinter den 15 gewaltigen Moai- Statuen hervorschiebt. Später lohnt auch ein Besuch am Rano Raraku – einem Vulkansteinbruch, in dem fast alle Moai der Insel entstanden. Hunderte Statuen liegen oder stehen hier noch, halb in der Erde vergraben, in verschiedenen Stadien der Fertigstellung. Nach vier Klimazonen und Landschaften, die jede für sich eine eigene Reise wert wären, kehrt man nicht nur erholt zurück, sondern mit einem erweiterten Blick – eine Erfahrung, die leise nachhallt und ihre Wirkung noch lange entfaltet.
Text von: Georg Wittmann
Auch interessant:
- Wohin im September? Drei europäische Inseln für eine Auszeit
- Capella Taipei: Das „Modern Mansion“-Konzept von André Fu
- Thebe Magugu im Mount Nelson: Südafrikanisches Design in einem historischen Grandhotel
- Workcation am Comer See: Der Trend zu Serviced Residences
- Von Paris bis Sizilien: Train-Hopping durch Europa



