
Zum hundertjährigen Jubiläum der Oyster macht Rolex es gewohnt diskret: Eine dezente „100“ auf der Aufzugskrone, der Schriftzug „100 Years“ bei sechs Uhr statt des üblichen „Swiss Made“ und ein schiefergraues Zifferblatt mit grünen Akzenten. Keineswegs eine nostalgische Retro-Kopie des Modells von 1926, sondern eine moderne Oyster Perpetual, die ihre Herkunft mit feinen Details feiert.
Genau darin liegt die eigentliche Faszination der Oyster. Sie bezeichnet heute nicht nur ein einzelnes Uhrenmodell, sondern ein Grundprinzip, auf dem viele Rolex Uhren aufbauen. Was 1926 zunächst als technische Lösung für eine ganz praktische Frage begann, nämlich wie sich ein Uhrwerk vor Wasser, Staub und Feuchtigkeit schützen lässt, wurde im Laufe der Zeit zur gemeinsamen Basis zahlreicher Modelle. Obwohl eine Datejust, eine Submariner oder eine GMT-Master unterschiedliche Aufgaben erfüllen und auch unterschiedlich aussehen, beruhen sie auf derselben Idee eines robusten, geschlossenen Gehäuses. Wiederkehrende Elemente wie die verschraubte Krone, die klar abgegrenzte Lünette und die feste Verbindung von Gehäuse und Band sorgen außerdem dafür, dass sie trotz aller Unterschiede sofort als Rolex zu erkennen sind.

Die Geburt einer Gehäuse-Architektur
Zu Beginn des 20. Jahrhunderts war die Armbanduhr den Belastungen des Alltags noch nicht zuverlässig gewachsen. Hans Wilsdorf suchte deshalb nach einer Konstruktion, die das empfindliche Uhrwerk besser schützen konnte. Dafür wurden Lünette, Gehäuseboden und Krone fest mit dem Mittelgehäuse verschraubt. Den Namen Oyster wählte Wilsdorf in Anlehnung an die Auster, deren Schale ihr Inneres sicher umschließt. Das Entscheidende daran: Das Gehäuse war nun nicht mehr nur eine äußere Hülle für das Werk, sondern der Ausgangspunkt der gesamten Konstruktion.

Viele Elemente, die Uhrenfans heute als reine Ästhetik begreifen, verdanken ihre Existenz schlichten technischen Notwendigkeiten. Die geriffelte Lünette? Ursprünglich nur dazu da, um dem Werkzeug beim Festschrauben auf dem Gehäuse Grip zu geben. Als sich die Konstruktion später änderte, behielt Rolex die Riffelung dennoch bei. Aus einem Dichtungsbauteil wurde so ein ikonisches Designmerkmal, das man heute vor allem mit Modellen wie der Datejust verbindet.
Das Prinzip Perpetual
Mit dem 1931 patentierten Perpetual-Rotor folgte der nächste logische Schritt. Der automatische Aufzug nutzte die Bewegungen des Handgelenks und ersetzte das tägliche Aufziehen über die Krone, wodurch die Dichtungen weniger beansprucht wurden. Gemeinsam bildeten das geschützte Gehäuse und der automatische Aufzug schließlich die technische Grundlage der Oyster Perpetual.
Die Oyster im Härtetest
Die Widerstandsfähigkeit der Oyster wurde von Beginn an unter realen Bedingungen getestet. 1927 trug die Schwimmerin Mercedes Gleitze eine Oyster bei der Durchquerung des Ärmelkanals. 1953 gehörten Oyster Perpetual Uhren zur Ausrüstung der britischen Mount-Everest-Expedition. Solche Einsätze dienten nicht nur als Nachweis der technischen Leistungsfähigkeit, sondern stärkten auch das Bild einer Armbanduhr, deren Konstruktion auf den dauerhaften Gebrauch ausgerichtet war.


Zwischen der Submariner von 1953 (links) und der Land-Dweller von 2025 (rechts) liegen mehr als sieben Jahrzehnte. Beide beruhen dennoch auf denselben Grundideen der Oyster: einem geschützten Gehäuse, automatischem Aufzug und einer Gestaltung, bei der technische Funktionen auch von außen erkennbar bleiben.
Aus dieser Erfindung ist über die Jahrzehnte eine ganze Uhren-Familie entstanden – von der Submariner und der GMT-Master bis zu den bunten Modellen von 2020 und der Land-Dweller von 2025. Hundert Jahre nach der Erfindung des wasserdichten Gehäuses feiert Rolex kein veraltetes Ausstellungsstück, sondern ein Uhren-System, das bis heute perfekt funktioniert. Die Oyster wurde zu einem zeitlosen Klassiker, weil ihr Design immer genau zu dem passte, was die Uhr leisten musste: Ihre Optik und ihre Funktion gehören untrennbar zusammen.
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