
In Rom stellt eine ungewöhnliche Ausstellung spektakuläre Schmuckstücke von Cartier den stilprägenden Skulpturen der Antike gegenüber: »Cartier and Myths at the Capitoline Museums« schlägt den Bogen zwischen Paris und Rom, Kunst und Stil, damals und heute.

Normalerweise beherbergt der Palazzo Nuovo am Kapitolsplatz einen Großteil der antiken Marmor-skulpturen der Kapitolinischen Museen. Viele von ihnen stammen aus der Sammlung eines gewissen Alessandro Albanis, ein Kardinal, der bereits im 18. Jahrhundert eine Leidenschaft für römische und griechische Kunst entwickelt haben muss. Darunter befinden sich Schlüsselwerke, deren Beitrag zur europäischen, künstlerischen Ausdrucksweise im Rückblick deutlich zu erkennen ist. Die Kapitolinische Venus beispielsweise, die sogenannte »Venus Pudica« aus dem zweiten Jahrhundert nach Christus, gilt als Inbegriff des idealisierten antiken Schönheitsverständnisses. Die naturalistischen Blumenornamente eines noch hundert Jahre älteren marmornen Gefäßes sind derart zeitlos, dass sie im Grunde modern wirken. Zahlreiche Exponate zeugen von einem tief verankerten Verständnis für Proportion, das nicht nur wiederholt Kulturepochen – etwa die Renaissance oder den Klassizismus – inspiriert hat, sondern noch heute von Schülern, Künstlern und Handwerkern studiert wird.


Dass ausgerechnet dieser Ort zur Bühne einer Ausstellung eines französischen Juweliers wird, erscheint zunächst unwahrscheinlich. Schließlich bewahren die Kapitolinischen Museen in gewisser Weise bereits die Kronjuwelen ihrer Stadt. Und doch teilen sich die Marmorstatuen nun erstmals das Rampenlicht mit funkelnden Preziosen aus den Archiven Cartiers – in einer Stadt, die selbst Heimat einiger der großen Namen der Schmuckwelt ist. Im Gespräch mit Pierre Rainero, langjähriger Image, Style & Heritage Director bei Cartier, erschließt sich jedoch rasch die kuratorische Logik dieses Dialogs. »Ohne Rom wären die Franzosen nicht das, was die Franzosen sind«, sagt Rainero schmunzelnd. »In gewisser Weise ist diese Ausstellung eine Huldigung Roms – keine Eroberung.«
Für einige Monate treten also rund 200 Schmuckstücke von Cartier in ästhetische Auseinandersetzung mit den antiken Skulpturen. Die meisten stammen aus der hauseigenen Heritage-Collection, ergänzt durch ausgewählte Leihgaben. Jedes einzelne Objekt wurde von den Kuratoren danach ausgewählt, den nachhaltigen Einfluss antiker Ausdrucksformen auf das Œuvre Cartiers sichtbar zu machen – bis in die Gegenwart. Florale Ornamente, architektonische Strukturen, mythologische Themen: Als Hauptmotiv oder feines Detail stehen sie hier erstmals ihren historischen Vorbildern gegenüber. Ergänzt wird die Präsentation durch Skizzen, Entwurfszeichnungen und zentrale Dokumente der Unternehmensgeschichte, darunter das Album, das Louis Cartiers inspirative Italienreise von 1923 dokumentiert.



Louis Cartier, Enkel des Firmengründers, gilt als der eigentliche Architekt dessen, was heute als der Stil von Cartier verstanden wird. »Die Idee, eine allgemeingültige Designsprache zu entwickeln – unabhängig vom jeweiligen Thema der Inspiration –, war damals sehr neu und ausgesprochen modern«, erklärt Rainero. Während zu Beginn des 20. Jahrhunderts in Kunst und Handwerk zahlreiche Stilrichtungen parallel existierten, entwickelte Louis Cartier den Anspruch, einen verbindenden gestalterischen Rahmen für die Kreationen seines Unternehmens zu schaffen. Neoklassizistische Anleihen spielten dabei sicher eine zentrale Rolle. Ikonische Schmuckstücke dieser Zeit zeugen von dieser intensiven Auseinandersetzung mit der römischen Antike: etwa eine Brosche von 1907 mit zwei diamantbesetzten Tauben, die aus einer Schale trinken und ein antikes Mosaik-Motiv zitieren; oder die streng gegliederte Ornamentik der spektakulären Tiara mit Diamanten und Perlen aus dem Jahr 1909.
Der von Louis Cartier und seinen Nachfolgern etablierte gestalterische Rahmen ist bis heute Grundlage der Kollektionen von Cartier. Rainero versteht seine Aufgabe darin, dieses Erbe zu bewahren und zugleich offenzuhalten. »Wir arbeiten innerhalb dieses stilistischen Fundaments«, sagt er, »aber Treue zum Erbe bedeutet auch Offenheit für Entwicklung.« Der Cartier-Stil sei kein abgeschlossenes System, sondern ein lebendiger kultureller Code, der sich kontinuierlich weiterentwickele und neue Lesarten zulasse. Ein wichtiger Aspekt sei dabei auch der Dialog mit kulturellen Institutionen, wie dem Palazzo Nuovo und bewanderten Kuratoren: »Wir teilen unser Wissen über die Geschichte und den Stil unseres Hauses, während sie ihre wissenschaftliche Perspektive auf Cartier und ganz eigene Vision davon haben«, beschreibt er den Austausch. »Das ist für beide Seiten bereichernd.«
Das kulturelle Netzwerk, das Rainero über die Jahre um Cartier gesponnen hat, ist umfangreich. Durch den regelmäßigen Austausch mit Museen und ihren Direktoren, Kuratorinnen und Kulturschaffenden entstehen Initiativen und Ideen wie die zu »Cartier and Myths at the Capitoline Museums«. Der Vorschlag des Archäologen Stéphane Verger, das Thema »Mythen« ins Zentrum der Aufmerksamkeit zu rücken, stand schon länger im Raum – und ließ sich schließlich mit der spontanen Möglichkeit der Zusammenarbeit mit den Kapitolinischen Museen fast in Rekordzeit umsetzen. Die Schmuckhistorikerin Bianca Cappello übernahm dabei die Auswahl der Schmuckstücke. Die Heritage Collection, die umfangreiche Sammlung wichtiger Cartier-Kreationen aus den 175 Jahren Unternehmensgeschichte, umfasst inzwischen mehr als 3500 Objekte und dient als wichtigste Quelle. Sie unterliegt ebenfalls Raineros Aufgabenbereich. Und er versteht sie weniger als Archiv, denn als Denkraum. Zu dem auch unbedingt die Dokumentensammlung in Paris gehört. »Die Auswahl der Ausstellungsstücke erfolgt sehr wissenschaftlich«, erklärt er. »Wenn wir von einem bestimmten Einfluss ausgehen, so wird in den Aufzeichnungen nach entsprechenden Belegen dafür gesucht.«



Die Ausstellung im Palazzo Nuovo geht folgerichtig weit über eine formale Gegenüberstellung optischer Überschneidungen hinaus. Sie widmet sich den Mythen, die den antiken Skulpturen zugrunde liegen – und die seit jeher auch die Bildwelten Cartiers prägen. Götter und Halbgötter wie Medusa, Apollo oder Aphrodite begegnen hier ihren modernen Interpretationen. Besonders eindrucksvoll wird dies im Dialog zwischen Gian Lorenzo Berninis berühmtem Medusenkopf (1644 bis 1648) und einem Cartier-Collier von 1906, dessen Anhänger die ikonischen Züge der Gorgone beinahe skulptural aufgreift. Jener wurde übrigens erstmals für eine Ausstellung bewegt – üblicherweise residiert er auf der anderen Seite des Kapitolplatzes, im Konservatorenpalast. Auch die Sage vom Goldenen Vlies erscheint in einer ikonischen Kreation Cartiers: nicht als erzählerische Illustration, sondern als abstrakte, bewegliche Struktur aus feinsten Gliedern aus Gold – die subtile Übersetzung einer Legende in die Formensprache der 1970er-Jahre.


Für Rainero liegt darin eine der zentralen Qualitäten der Ausstellung: Sie macht sichtbar, wie tief die Mythen des Altertums unser ästhetisches Empfinden prägen – oft unbewusst. Sie wirken als kulturelles Unterbewusstsein, das selbst dann präsent bleibt, wenn seine Ursprünge nicht mehr klar benannt werden können. Der aufmerksame Besucher kann sich hierfür die Augen öffnen lassen. »Wenn ich heute ein Cartier-Krokodil sehe, denke ich an den Nil und an die römische Vorstellung von Ägypten«, sagt Pierre Rainero. »Die Ausstellung lässt uns erkennen, wie stark diese Mythen unsere Sicht auf die Dinge beeinflussen.«
»Cartier and Myths at the Capitoline Museums« verweist damit über sich selbst hinaus und lässt sich in diesem Sinne vielleicht als Auftakt verstehen. Schließlich war und ist Cartier auch den stilistischen Einflüssen anderer Kulturen – China, Japan, der arabischen Welt – gegenüber offen. Diese hätten natürlich ihre ganz eigenen Mythen, so der Manager. »Der Einfluss der Formen und Symbole dieser Welten auf unsere Ausdrucksweisen, bleibt zu untersuchen.« In welche Teile der Erde dieses Vorhaben die Pariser ziehen wird, bleibt voller Vorfreude abzuwarten.
Text: Friederike Weissbach



