Emanzipation, Glamour, Selbstbewusstsein: Der unschätzbare Wert des Modeschmucks - séduction Magazin Germany
Uhren & Schmuck

Emanzipation, Glamour, Selbstbewusstsein: Der unschätzbare Wert des Modeschmucks

Von Redaktion 01/12/2025
Credit: Conde Nast via Getty Images
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Sein Materialwert mag gering sein, doch sein Potenzial, Träume zu kreieren – auch emanzipatorische –, ist unschätzbar. Die Geschichte des Modeschmucks erzählt nun der Bildband »Costume Jewelry«.

Es war eine Revolution der Mode, die die 1920er-Jahre beflügelte. Und der Schmuck folgte ihr auf dem Fuße. Eine neue Zeit und ein neues Lebensgefühl setzten alte Regeln außer Kraft und verlangten nach neuen Freiheiten. Auch nach neuen Arten, sich darzustellen und zu präsentieren. Schmuckdesign war schon immer eng mit Fashion verbunden. Und die wiederum hat seit jeher ein feines Gespür für die Bedürfnisse ihrer Zeit. So war das »kleine Schwarze«, wer immer es erfand (Coco Chanel war es jedenfalls nicht), eine Antwort der Mode darauf, dass es nach dem Ersten Weltkrieg viele junge Witwen gab, die einerseits ihre Trauer zeigen, aber andererseits auch ihre Attraktivität nicht verstecken wollten. Wirklich umwälzend aber war, in welchem Umfang vor allem jüngere Frauen berufstätig wurden und selbstständig lebten. Vor ihrem Selbstbewusstsein zerbröselte das starre Gerüst aus den Benimmformeln des vorangegangenen Jahrhunderts.

Waren die 1920er von den geraden Flapper-Silhouetten und den strengen Linien des Art déco bestimmt, wuchs speziell in den USA und angefeuert durch die Traumfabrik Hollywoods in den 30ern die Sehnsucht nach Glamour, Eleganz und Opulenz. Und in Amerika traf diese Sehnsucht wie nirgendwo sonst auf fantasiebegabte Schmuckkünstler, die sich nicht scheuten, gewagte Schöpfungen auch aus unedlen Steinen, vergoldetem Metall, funkelndem Glas, Kunststoffen und jedem erdenklichen Material zu schaffen, das Glamour versprach und Erstaunen hervorrief. Eine Explosion an Kreativität, grenzenloser Fantastik und dem puren Vergnügen am Sich-Schmücken war das Resultat. Dieser Überschwang traf auf eine Generation von Frauen, die auf Konventionen pfiffen. Etwa, dass nur bestimmte Frauen zu bestimmten Tageszeiten bestimmte Schmuckstücke tragen durften oder dass junge Mädchen entweder echten oder gar keinen Schmuck zu tragen hätten. Jetzt galt: Girls want to have fun. Und: Money creates taste. Denn ihr Geld verdienten die jungen Frauen jetzt selbst. Echtschmuck wurde vererbt oder von Vätern und Ehemännern verschenkt; den Modeschmuck, der meist in größeren Auflagen produziert wurde, kauften sie sich selbst. Sein Aufstieg vom billigen Talmi zum modischen Must-have-Accessoire ist einer der großen Schritte hin zur Demokratisierung der Mode und des Luxus. Den begrüßten auch die beiden tonangebenden Trendsetterinnen der Pariser Couture der 1930er: Coco Chanel und Elsa Schiaparelli waren begeisterte Anhängerinnen der Idee und kreierten eigenen Modeschmuck. Chanel mixte sogar ganz selbstverständlich echt und falsch. Und auch den Look der Diven Hollywoods bestimmten die neuen opulenten Hingucker – auf der Leinwand und im Privatleben.

Von diesem historischen Punkt aus startet der neue Bildband „Costume Jewelry“ von Fotograf Luciano Romano und den beiden Autorinnen Carol Woolton und Maria Luisa Frisa seine fantastische Reise durch die folgenden Jahrzehnte des Modeschmuckdesigns. Bunt, barock, verspielt, futuristisch, auf jeder Seite überraschend und immer den Themen und Stilen der jeweiligen Ära folgend, glitzert und flimmert ihr Sujet vor unseren Augen. Bis ins späte 20. Jahrhundert und zur Jahrtausendwende folgen sie ihm und erzählen dabei von wechselnden Moden, dem Einfluss berühmter Kundinnen, wie Jackie Kennedy, und der Handwerkskunst einzelner Meister und Künstlerinnen. Quelle und Bezugspunkt des Bandes ist eine einzigartige Schatzkammer, die legendäre Modeschmucksammlung von Patrizia Sandretto Re Rebaudengo. Deren Liebe zum Modeschmuck weckte in den 1980er- Jahren eine Brosche von Trifari, die der Gestalter Alfred Philippe entworfen hatte. Die Italienerin hat allerdings nicht nur ein Auge für Schmuck. Bekannt ist sie als große Sammle- rin zeitgenössischer Kunst, als Mäzenin und Unterstützerin junger Künstlerinnen und Künstler und als Präsidentin der Fondazione Sandretto Re Rebaudengo in Turin: eine zentrale Figur der internationalen Kunstwelt. Wer die zierliche, ele- gante Art-Queen da einmal erlebt hat, weiß, dass sie gerne eines der spektakulären Teile ihrer Modeschmucksammlung trägt. Und die machen einen Auftritt auch heute noch atem- beraubend und unvergesslich.


SCHMUCKBIBEL: »Costume Jewelry« von Luciano Romano, Carol Woolton und Maria Luisa Frisa ist bei Taschen erschienen, 528 Seiten, 100 €; taschen.com

Petra Lamers-Schütze, Regina Herbst und Philipp Demeter präsentieren das Buch Costume Jewelry am Mittwoch, 3. Dezember 2025, um 12:30 Uhr exklusiv im Palais Dorotheum, Dorotheergasse 17, 1010 Wien

Text: Bernd Skupin

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