
In der Ausstellung „Glanzstücke“ in Wien stehen 300 exquisite Schmuckobjekte von Van Cleef & Arpels rund 200 ausgewählten Kunstwerken und Artefakten aus zwei Jahrtausenden gegenüber und treten mit ihnen über die Grenzen von Zeit und Raum hinweg in einen spannungsvollen und überraschenden Dialog.

Eine Reise nach Wien lohnt immer – und ein Besuch im MAK, dem Museum für angewandte Kunst dort erst recht. Doch in diesem Sommer wartet das Haus mit einer besonders strahlenden und glamourösen Sonderausstellung auf. Vom 10. Juni bis zum 27. September treten in der Schau „Glanzstücke“ etwa 300 erlesene Schmuckstücke aus der Historie des Haute-Joaillerie-Hauses Van Cleef & Arpels in einen Austausch mit rund 200 Objekten aus der Sammlung und den Archiven des MAK ein, wobei letztere nur in den seltensten Fällen ebenfalls aus dem Bereich Schmuck oder Juwelen kommen.

Vielmehr soll es um das Entdecken von Verbindungen, gemeinsamen Ideen und Quellen über die Grenzen einer einzelnen Disziplin hinaus gehen. „Die Gründung der Maison Van Cleef & Arpels fällt in die Epoche des französischen Jugendstils, also in einen Zeitraum, in dem Wien in der Vollblüte seiner künstlerischen Äußerung steht,“ erklärt Lilli Hollein, die Direktorin des Museums. „Und gleichzeitig hat man ähnliche Quellen, den Japonismus, die Natur. Das ist ein Referenzpunkt in der Geschichte, der eine starke Verbindung schafft und von dem aus sich einfach ein unglaublich lebendiger Dialog ergeben hat.“ Hollein nennt auch ein konkretes Beispiel: „Das Spannende daran ist, dass wir auch mit einem Papierblumenstrauß auf eine Diamantbrosche antworten können und dass dies ein Dialog auf Augenhöhe bleibt.“

Wien ist eine Stadt der Kunst, der Architektur und des Designs. Auf all diesen Gebieten gingen von hier aus durch Künstler wie Gustav Klimt und Egon Schiele, Architekten wie Adolf Loos und Otto Wagner oder die Gestalter der Wiener Werkstätte wie Josef Hoffmann und Koloman Moser grundlegende Impulse für die Gestaltung der Moderne in die Welt. Und natürlich gab und gibt es in dieser Stadt auch hervorragende Juweliere. Was fehlte, waren die atemberaubenden, exaltierten und bezaubernd riskanten Abenteuer der Haute Joaillerie, wie sie vor allem an der Place Vendôme in Paris gewagt wurden. Kostbarste Materialien und edelste Steine treffen dort bis heute auf revolutionäre und spielerische Ideen, höchste handwerkliche Perfektion auf größte Freiheit der Gestaltung. Genau dort, an der Place Vendôme siedelte sich 1906 das Juwelierhaus Van Cleef & Arpels an. Damals war es das New Kid on the Block, der Newcomer, der viele neue Ideen mitbrachte und mutig ins 20. Jahrhundert voranschritt. Doch das weiß – zumindest im deutschsprachigen Raum – bisher kaum jemand. Van Cleef & Arpels war hier lange nicht mit eigenen Niederlassungen vertreten.

Erst vor einigen Jahren eröffnete ein erster Store sehr erfolgreich in München. Inzwischen folgten zwei weitere in Hamburg und Frankfurt. Und vor zwei Jahren einer am Kohlmarkt in Wien. Natürlich wissen Kenner und die eigentlichen Käuferinnen und Käufer Bescheid. Aber Luxus ist ein kompliziertes Business. Es braucht nicht nur gut gesteuerte Exklusivität, eine spannende Story und ein besonderes Verhältnis zwischen Anbietern und Kundinnen und Kunden, sondern auch eine öffentliche Präsenz, das Wecken von Begehrlichkeiten und Sehnsüchten, die bei vielen unerfüllt bleiben müssen. Das ist der Resonanzraum, der Hintergrund, vor dem Luxus sich erst wirklich abhebt und zu strahlen beginnt. Der Konkurrent Cartier betreibt dieses Geschichtenerzählen und die Mythologisierung des eigenen Hauses und seiner Produkte seit Jahrzehnten in Perfektion. Die außergewöhnlichen Schmuckstücke, die Verbindungen zu Stars und Berühmtheiten und die fesselnden Geschichten dazu gibt es bei Van Cleef & Arpels ebenso. Es muss sie nur jemand erzählen.

Da traf es sich gut, dass die Direktorin des MAK, Lilli Hollein bei der Eröffnung des Wiener Stores von Van Cleef & Arpels zugegen war. Das Opening, so erzählt sie es bei der Pressekonferenz zu „Glanzstücke“ war auch die Geburtsstunde der Idee zur Ausstellung. Lilli Hollein, das sollte man wissen, zählt zur kulturellen Royalty Österreichs. Ihre Mutter Helene war eine bekannte Modezeichnerin, ihr Vater Hans Hollein einer der bedeutendsten Architekten der Nachkriegsära. 1985 erhielt er den Pritzker Preis, den weltweit wichtigsten Architektur-Award überhaupt. Ihr Bruder Max ist seit 2018 Direktor und seit 2023 auch CEO des Metropolitan Museum of Art in New York und Lilli Hollein selbst leitete unter anderem bis 2021 die von ihr 2007 mitgegründete Vienna Design Week, ein Designfestival, das jährlich von Stadtbezirk zu Stadtbezirk wanderte und internationale Gestalter mit lokalen Handwerkern und Gewerken in Verbindung brachte. Seit September 2021 ist sie Generaldirektorin und Künstlerische Direktorin des MAK.

Es ist ein ungewöhnliches, facettenreiches und herausforderndes Designmuseum. Im Frühjahr war etwa eine sehr persönliche Ausstellung zu Werk und Leben des legendären Modedesigners und heutigen Künstlers Helmut Lang zu sehen. Zeitgleich dazu lief eine Schau der Künstlerin Hito Steyerl, in der es unter anderem darum ging, wie Menschen aus einem kurdischen Flüchtlingslager als Klick-Tagelöhner eine KI trainieren, deren Fähigkeiten am anderen Ende der Welt möglicherweise dazu eingesetzt werden, Kampfdrohnen das Erkennen ihrer Ziele zu ermöglichen. Parallel zu „Glanzstücke“ sind im Haus auch Arbeiten des 2005 verstorbenen Provokateure und radikalen Künstlers Christoph Schlingensieff zu sehen. Und im Frühjahr wurde die vom österreichischen Künstler Markus Schinwald dunkel elegant inszenierte Neuaufstellung des Kapitels „Wien 1900“ der Schausammlung des Museums eröffnet – ideale Ergänzung und Kontrapunkt zu „Glanzstücke“.

Die Ausstellung selbst kuratierte von der Seite des MAK Anne-Katrin Rossberg in Zusammenarbeit mit Alexandrine Maviel-Sonnet, der Direktorin der Patrimony-Sammlung bei Van Cleef & Arpels. Maviel-Sonnet hatte aus rund 3000 seit 1906 entstandenen Objekten von Van Cleef & Arpels in ihrer Sammlung zu wählen, Rossberg aus den 700 000 der Bestände des MAK. Deren Zeitrahmen ist auch viel weiter gesteckt. Das älteste Objekt der Schau ist laut Lilli Hollein ein kleines Einhorn aus Holz, eine Grabbeigabe aus dem chinesischen Wuhan, datiert auf etwa 200 Jahre vor Christus.

Die Kuratorinnen schlagen sechs Kapitel auf. Im ersten geht es um die Inspiration durch Reisen. Das orientalisch inspirierte Collier Izmir von 2011 trifft da etwa auf eine indisch-muslimische Illustration aus dem 16. Jahrhundert. Im Kapitel über architektonische Formen kommen sich präzise konstruierte Armbänder und Art-Deco-Minaudièren von Van Cleef & Arpels und Designobjekte der Wiener Werkstätten in ihren klaren Formen besonders nahe. Über geometrische und dynamische Rhythmen im Design und den Themen Bühne, Oper Tanz und Musik, die charakteristisch sowohl für Wien als auch für das Juwelierhaus sind, geht es zum Kapitel „Metamorphosen“. Darin fällt besonders eines der faszinierendsten – und provokantesten – Objekte auf, dass Van Cleef & Arpels je schuf: das „Zip“ Collier in Form eines Reißverschlusses. Geschlossen rollt sich dieser komplett funktionsfähige Reißverschluss zu einem Armband zusammen, geöffnet trägt man ihn um den Hals. „Zip“ ist Konzeptkunst, Punk und höchster Luxus zugleich wirkt noch heute unverschämt modern. Inspiriert wohl durch die Herzogin von Windsor oder Elsa Schiaparelli wurde es Ende der 30er Jahre konzipiert, aufgrund der schwierigen technischen Umsetzung konnte es aber erst um 1950 erstmals realisiert werden.
Den Abschluss bildet ein Kapitel zu Natur und Universum mit floralen Motiven, aber auch mit einem Collier in Gestalt eines kreisenden Flugzeugs, Clips in Form von Sternen und Meteoren, denen das MAK ein astronomisches Instrument aus dem 16. Jahrhundert, eine aus goldfarbenen Reifen bestehende Himmelssphäre zugesellt. Man darf also sehr gespannt darauf sein, wie all diese Schätze und Artefakte miteinander kommunizieren. Auf die Frage, welches Schmuckstück sie selbst am meisten fasziniert hat antwortet Lilli Hollein: „Es gibt ein Stück, ein Collier, das mich besonders interessiert, weil es aus Gold gewirkt ist, aber die Zartheit von Spitze oder von Textil besitzt. Es heißt „Col Claudine“ und wirkt wie ein gestärkter, gefalteter Spitzenkragen.“ Und nach der Ausstellung sollte man vielleicht noch einen Abstecher zum Kohlmarkt machen und der Boutique von Van Cleef & Arpels einen Besuch abzustatten. Zum einen wird man dort während der Schau im MAK in kleinem und feinem Rahmen wahrscheinlich noch einige weitere besondere und ungewöhnliche Objekte zu sehen bekommen. Und wenn man Glück hat, erfährt man im persönlichen Gespräch vielleicht noch mehr über die große Geschichte des Hauses und die kleinen der einzelnen Schmuckstücke. Darüber, wie sich die Millionenerbin Barbara Hutton in die Figur der Tinkerbell aus „Peter Pan“ verliebte, sich von Van Cleef & Arpels eine Brosche in Gestalt der geflügelten Fee wünschte und daraus 1941 aus Platin, Gold, Smaragden, Rubinen und Diamanten der „Little Winged Fairy Clip“ entstand, der später in „Spirit of Beauty“ umbenannt wurde. Oder wie sich der große Choreograph Georges Balanchine während eines Regengusses mal in den New Yorker Store von Van Cleef & Arpels in der Fifth Avenue flüchtete, dessen Auslagen er zuvor schon bewundert hatte. Er kam dort ins Gespräch mit Claude Arpels. Das Resultat war Balanchines Ballett „Jewels“ von 1967, das weltweit Eingang ins Repertoire gefunden hat. Ein Moment auf den auch das bis heute anhaltende kulturelle Engagement des Hauses für die Tanzkunst zurückgeht. Es gibt also noch viel zu erfahren über Van Cleef & Arpels. Die Ausstellung „Glanzstücke“ in Wien ist ein funkelnder und fulminanter Auftakt dafür.
Text von: Bernd Skupin
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