Kolumne: Die Mode der Kunst oder doch die Kunst der Mode? - séduction Magazin Germany
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Kolumne: Die Mode der Kunst oder doch die Kunst der Mode?

Von Dirk Boll 27/05/2025
Credit: Akris
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Die Sehnsucht der Avantgarde und das Versprechen einer Transformation verbinden Mode und Kunst. Besonders Erstere möchte weniger ihre kommerzielle als ihre kreative Qualität vermitteln, und so verwischt sich vor allem im Modebereich die Grenze zwischen Bildender Kunst und kreativer Arbeit: Immer stärker wird das eine für das andere eingesetzt – Kunstschaffende machen Mode – und das andere als originär künstlerischer Arbeitsprozess akzeptiert – Modeschöpfer schaffen Werke mit künstlerischer Aussage.

Es hat reiche Tradition, dass Kunst die Mode inspiriert. Man denke an die „Mondrian“-Kollektion 1965 von Yves Saint Laurent oder die Akris-Kollektionen von Albert Kriemler (Thomas Ruff, Imi Knoebel, Geta Bratescu oder Carmen Herrera). Heute setzen Modeunternehmen Kunstwerke zur Distinktion ein, und die Mailänder Fondazione Prada ist ein zeitgemäßes Beispiel für die Institutionalisierung eines solchen Vorgehens.

Austausch und gegenseitige Inspiration

Gleichzeitig ist es in den letzten 30 Jahren zu einem regen Austausch gekommen, denn beide Bereiche haben voneinander gelernt, vor allem, was die Präsentation und die erneuerte Wertschätzung von Rarität und Limitierung, Handwerk und Verknappung betrifft. Zuweilen wird eingewandt, dass die Präsentation wichtiger genommen werde als der Inhalt, vor allem, wenn „Starchitects“ wie Peter Marino, Rem Koolhaas oder Annabelle Selldorf Kunst präsentieren, beispielsweise in der Porzellansammlung im Dresdner Zwinger oder eben in der Fondazione Prada.

Künstlerische Interventionen und Designfragen

Sicherlich hat die Zunahme von Auftragswerken, ortsbezogenen Arbeiten und Auflagenobjekten dazu geführt, dass Kunstschaffende zunehmend als Ideengeber in Designfragen wahrgenommen werden. Die Liste reicht von der eher klassischen Idee von Raumgestaltung (Tobias Rehberger und sein Café auf der Biennale in Venedig 2009, für das er den Goldenen Löwen erhielt) bis hin zu Schaufensterdekorationen für Hersteller von Luxusgütern (unter anderem Takashi Murakami, Olafur Elíasson oder Yayoi Kusama für Louis Vuitton).

Das künstlerische Genie und seine Wirkung

Man kann dies mit der Bewunderung für das künstlerische Genie erklären: Kunstschaffende können eben alles gestalten, ganze Welten, so auch einen Raum oder ein Schaufenster. Vielleicht sogar eine Handtasche, und wenn der künstlerische Beitrag ein mobiles Objekt schafft, scheint die Grenze zum Multiple endgültig überwunden. Spätestens hier gibt es dann eine Parallele zur zeitgenössischen Kunst: Häufig treffen die künstlerischen Interventionen nicht den Geschmack der Mehrheit. Die Louis-Vuitton-Handtaschen von Jeff Koons („The Masters Collection“, 2017) gefallen vermutlich nicht jeder Kundin – aber diejenige, die sich für eine solche Tasche entschieden hat, zeigt klar den doppelten Statuswert des Objekts, denn sie kann sich nicht nur eine teure Tasche leisten, sie beansprucht darüber hinaus auch die intellektuelle Neugier und Kennerschaft, sich mit einer künstlerisch gestalteten Tasche zu verbinden.

Vintage Fashion und der Kunstmarkt

Schon vor Jahrzehnten haben die Kunstmarktunternehmen ihre Geschäftsbereiche auf Sammel- oder Konsumgebiete ausgedehnt, die nur noch wenig mit Kunst im engeren Sinne zu tun haben. So ist Vintage Fashion zu einem kleinen, aber soliden Geschäftsbereich geworden. Der weltweite Markt für Second-Hand-Kleidung und -Accessoires hat seinen Umsatz seit 2020 verdreifacht und wird heute auf 120 Milliarden Dollar geschätzt. Die Boston Consulting Group schätzt das künftige Wachstum auf bis zu 30 Prozent pro Jahr. Second-Hand-Güter werden vor allem von einer wiederkehrenden Käuferschaft erworben, die auf diesem Wege rund ein Viertel des eigenen Bestands kauft. Besonders gefragt sind erwartungsgemäß Produkte von Luxusmarken, die auf dem Sekundärmarkt für eine signifikant größere Kundschaft erschwinglich werden und die das typische Angebot der Kunstmarktunternehmen bilden.

Auch in den Institutionen ist Vintage Fashion erfolgreich; seit Jahren sind die meistbesuchten Ausstellungen großer Häuser für angewandte Kunst diejenigen, die sich Modethemen widmen.

Kunstsammeln als verbindendes Element

Der Kreis schließt sich, wenn Kreative der Modewelt Bildende Kunst sammeln: Die Kunstwelt erinnert sich mit Hochachtung an die Nachlassversteigerungen von Werken aus berühmten Sammlungen wie Jacques Doucet, Yves Saint Laurent oder auch Karl Lagerfeld.

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Text: Dirk Boll