
Dirk Boll, Vorstand für Kunst des 20. und 21. Jahrhunderts bei Christie’s, über den ebenso großen wie lukrativen Markt der Fotokunst
Fotografen sind ein zentrales Element der visuellen Kultur, sie bestimmen maßgeblich unsere Vorstellung von Geschichte. Das macht sie zu einem attraktiven Sammelgegenstand, zumal sie in hohem Maße verfügbar sind. Heute sammelt man entweder »Klassische Fotografie« oder Fotos als »Zeitgenössische Kunst«: Den Unterschied macht das künstlerische Konzept hinter dem Bild. Im institutionellen Bereich wird zudem unterschieden zwischen »einfacher« Fotografie (Papier, Rahmen, Hängung) und »photography plus«, das bedeutet: wenn Fotos als Skulpturen oder als Teil von Installationen verwendet werden.
Den für den Markt kritischen Aspekt der Originalität umgeht die Auflagenangabe, die Sicherheit über die Zahl der Abzüge vermittelt. Unter »Vintage Prints« versteht man Abzüge, die in den ersten fünf Jahren nach Entstehung des Negativs gemacht werden, meist vom Fotografen selbst. Hiervon existieren in aller Regel nur so wenige Exemplare, dass der Markt auch eine schlechte Erhaltung akzeptiert. »Period Prints« dagegen werden erst nach dieser Phase und mit kommerzieller Absicht abgezogen; vergehen zwischen dem Fotografieren und dem Abzug mehr als zehn Jahre, werden die Abzüge als »Modern Prints« bezeichnet. Werden Bilder nach dem Tod des Fotografen reproduziert, spricht man von »Estate Prints«, werden sie vom Nachlass in Auftrag gegeben, von »Later Printed Prints«. Nur bei wenigen Abzügen ist, entsprechend der Druckgrafik, am unteren Bildrand die Auflagenhöhe angegeben – ein sicheres Zeichen, dass sie für den fotografischen Kunsthandel hergestellt wurden.
Der größte Markt für Fotos sind die USA. Das liegt auch daran, dass Fotografie erst nach der Staatsgründung erfunden wurde und daher als „nicht importierte“ Technik und typisch amerikanische Kunstform akzeptiert gilt, die nicht
von europäischen Kunsttraditionen geprägt ist.
Frühe Sammlungen hatten häufig den Anspruch, die Geschichte der Fotografie seit ihrer Erfindung zu repräsentieren. Das ist seit dem Wertanstieg kaum noch möglich. In der Folge richtet sich das Interesse von Sammlern auf Werke bestimmter Oeuvres, deren Schulen, Epochen oder auch Motive. Nachdem im Jahr 2000 die magische Preisschwelle von einer Million Dollar mit einem Foto von Man Ray überschritten worden war, war es nur eine Frage der Zeit, bis sich die Lücke zwischen den Preisen zeitgenössischer Kunst anderer Medien und der Fotografie schließen würde – schließlich verzeichnete Fotografie lange Zeit die größten Wachstumsraten auf dem Kunstmarkt.
So findet sich Fotokunst neben speziellen Auktionen vor allem in Galerien und Auktionen, die zeitgenössische Kunst anbieten. Die Käufer solcher Stücke verstehen sich eher als Sammler von zeitgenössischer Kunst. Die Anerkennung als Kunstform in Museen wie auf dem Markt haben der Fotografie zudem den Nimbus des Neuen, Unkonventionellen genommen. Darüber hinaus zeigen sich erste Anzeichen des Austrocknens: Fotografien des 19. und frühen 20. Jahrhunderts werden immer seltener angeboten. Die Lücke wird gefüllt von Pressefotos, nachdem sich in den späten 1990er Jahren gezeigt hat, dass auch journalistische Fotos Höchstpreise erzielen können.
Ebenfalls gehandelt werden inzwischen Amateurfotos wie Motive, die ausschließlich von Automaten erstellt wurden.
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