
KOLJA REICHERT, leitender Kurator am Düsseldorfer K21, über digitale Kunst, neue Formen des Sammelns – und wie Museen Antworten auf unsere Gegenwart geben können.
In wenigen Tagen eröffnet im Düsseldorfer K21 der Kunst- sammlung Nordrhein-Westfalen die von Ihnen kuratierte Ausstellung »Grund und Boden«. Was erwartet uns?
Saalfüllende Videoinstallationen, winzige Stickereien aus Lotusseide, Skulpturen aus Schokolade. Zum ersten Mal erstreckt sich eine Ausstellung auf das ganze historische Ständehaus, in dem das K21 zu Hause ist, bis unter die Glaskuppel und auf den umliegenden Ständehauspark mit seiner Vielfalt denkmalgeschützter Bäume. Gut 30 internationale Künstler, Künstlerinnen und Kollektive beschäftigen sich mit der Ver- waltung von Ressourcen. Indigenes Wissen spielt eine Rolle, oft verknüpft mit neuesten Blockchain-Technologien. Es geht ums Wohnen, ums Bauen, um Flucht und Obdach, um den richtigen Umgang mit Rohstoffen und kollektive Formen von Eigentum. Vor allem aber geht es um Kunst und wie sie helfen kann, sich wieder eine Zukunft vorzustellen.
Ein gewagtes Unterfangen – sind nicht Kulturinstitutionen wie die Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen Teil einer »Aufwertungsmaschinerie«?
In allererster Linie sind Museen Kraftwerke unserer Vorstellungskraft: Orte, an denen wir Erfahrungen machen können wie sonst nirgendwo und auf Gedanken und Gefühle kommen, die wir sonst nicht hätten. Wir betreten Räume voller einzigartiger Dinge, die alle ihre eigenen Regeln aufstellen und uns verzaubern oder berühren an Punkten, die wir an uns gar nicht kannten. Künstler führen neue Maße in die Welt ein. Und wenn wir die nicht hätten, könnten wir gar nichts wahrnehmen.
Metaversen und überhaupt digitale Kunst spielen bis- lang nur eine ausgesprochen kleine Rolle in der Ausstellungspraxis der großen Institutionen. Hat das mit einer Erwartungshaltung der Öffentlichkeit zu tun, die nach wie vor das klassische Tafelbild als wichtigste künstlerische Ausdrucksform sieht?
Seit das K21 2002 als Museum für internationale Gegenwartskunst der Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen eröffnet wurde, gab es dort neben Malerei, Installation, Fotografie und Skulptur immer viel Video- und digitale Kunst zu sehen. Das beginnt bei Nam June Paiks legendärem »TV Garden«, einer Rauminstallation aus den 1970er Jahren voller Fernseher und Pflanzen, und setzt sich fort mit Ausstellungen von Ed Atkins, Simon Denny und Hito Steyerl in den letzten Jahren. Mit dem Ankauf von Cyprien Gaillards Film »Retinal Rivalry« im letzten Jahr hat die Kunstsammlung eine der meistbesprochenen Medienkunstarbeiten der letzten Jahre erworben. Sie ist mit 3D-Kameras gefilmt, die ein Vielfaches der Bildinformation aufnehmen, die das menschliche Auge gewohnt ist. »Grund und Boden« blickt auch auf die Po- tenziale und die Umweltkosten von Blockchain, und Malereien von Metaversen gibt es auch. Dass NFTs (Non-fungible Tokens, also digitale Besitznachweise auf der Blockchain, Anm. d. Red.) und Metaversen selbst bislang keine große Rolle spielen, kommt sicher daher, dass sie für Bildschirme zu Hause und am Handy gemacht sind. In einer spannenden Ausstellung vermisst man kein Metaverse – man ist ja schon in einem.
Warum sollte die interessierte Öffentlichkeit überhaupt ins Museum kommen, um Werke auf Bildschirmen oder mittels Projektionen anzusehen, statt sie »gemütlich zu Hause« zu rezipieren?
Weil die meisten von uns zu Hause weder über eine 24 Meter breite Wand zum Projizieren verfügen noch über verspiegelte LEDs in einer Holzskulptur noch über 2,50 Meter hohe Skulpturen in Tarnanzügen: Dafür müssten Sie erst für sehr viel Geld die Gesamtinstallation »The Finesse« von Christopher Kulendran Thomas erwerben und dann noch mal ungefähr dasselbe Geld für die technische Einrichtung ausgeben. Bei uns zahlen Sie dafür weniger als für einen Kinobesuch.
Womöglich werden digitale Medien aber auch als ein wenig zu zeitgenössisch angesehen für eine Institution, von der man einen gewissen Abstand zu den Moden in Produktion und Markt erwartet?
Die Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen ist immer nah an den neuesten gesellschaftlichen und technologischen Entwicklungen. Im kommenden Jahr etwa haben wir einen KI-Schwerpunkt mit Ausstellungen des US-amerikanischen Künstlers Jon Rafman und von Holly Herndon und Mat Dryhurst, die als Musiker und Künstler während der letzten 15 Jahre einflussreiche Stimmen in den Debatten um Blockchain und KI waren. In Herndons und Dryhursts Ausstellung werden Besucherinnen Chöre bilden und selbst eine neue KI trainieren.
Erwirbt die Sammlung des K21 digitale Kunstwerke? Wer entscheidet überhaupt, was angekauft wird?
Den Ankäufen geht ein intensiver Rechercheprozess voraus. Jedes Jahr wählt Susanne Gaensheimer, die Direktorin beider Häuser – K20 und K21 – zusammen mit der Sammlungsleiterin Vivien Trommer gezielt Werke aus, die die Sammlung program- matisch erweitern. Die ausgewählten Werke werden anschließend von einer externen Ankaufskommission geprüft und für den Ankauf mit öffentlichen Mitteln freigegeben. Und, ja, digitale Technik kommt in vielen Ankäufen der letzten Jahre zum Einsatz, weshalb auch eine Stelle für einen Medienrestaurator eingerichtet wurde, der oder die darauf spezia- lisiert ist, die unterschiedlichsten Technologien aus den letzten 60 Jahren zu pflegen und zum Laufen zu bringen.
Glauben Sie, dass dieser Fokus die Demografie des Hauses verjüngt oder die Community vergrößert?
Wir haben im K21 schon ein recht junges Publikum, gehen aber tatsächlich davon aus, dass die Themen die verschiedens- ten Menschen ins Haus locken, die sich bei ihren eigenen Sorgen angesprochen fühlen: etwa hohe Mieten, Angst vor Verarmung oder Sorge um die Natur. Meine Kolleginnen in der Bildungsabteilung haben ein umfangreiches Begleitprogramm zur Ausstellung entwickelt. An drei Aktionstagen werden sich ökologische und soziale Initiativen präsentieren, neben Work- shops und anderen Programmpunkten für die ganze Familie. Und dank einer Förderung der Postcode-Lotterie ist jeden Freitag ab 15 Uhr der Eintritt frei.
Mit Ihrer Publikation »Krypto-Kunst« (Wagenbach, 2021) waren Sie der Erste, der sich kritisch der NFTs als künstlerischem Medium angenommen hat. In der Zwischenzeit ist es recht ruhig um diese Spielart der digitalen Kunst geworden.
Ich denke, heute ist klar, dass meine Skepsis damals berechtigt war. Der Gebrauchswert ist einfach zu gering. NFTs lösen keine Probleme, die man nicht auch anders lösen könnte. Einige der spannendsten Experimentierer haben inzwischen entdeckt, dass man dezentrale kollektive Verwaltung auch ohne die Langsamkeit und Umweltschädlichkeit von Block- chain organisieren kann.
Dieses Buch haben Sie noch aus der Perspektive des Kunstkritikers geschrieben, Sie sind im institutionellen Bereich eine Art Quereinsteiger. Ist das ein Vorteil, weil Sie in Ihrer Arbeit die Außenwahrnehmung gleich mitdenken können, sind Sie der »Crowd Pleaser« für die Kritikerkaste?
Es ist gar nicht so selten, dass Kritikerinnen und Kritiker zu Kuratoren werden. Wenn es um die Verknüpfung von Kunst und breiten gesellschaftlichen Themen geht, hilft die Erfahrung als Feuilletonist schon.
Das »Dealer/Critic«-System funktioniert nicht mehr wie früher. Was hat diese Prozesse von Filterung und Sichtbarmachung ersetzt?
Kritiker werden nicht mehr gebraucht, um Werke bekannt zu machen. Das funktioniert eher über Szenenbildung auf Veranstaltungen und mit Social Media. Aber Kritiker werden durchaus weiterhin gebraucht, um Kunst zu legitimieren und in Wert zu setzen. Nicht umsonst sind die bestbezahlten Jobs für Kunstkritiker mitunter Essays für Galerieausstellungen und Kataloge.
Und was bedeutet dies für die Rolle der Museen? Sehen Sie Ihr Haus als Stimme im Konzert der Meinungsführenden?
Das sind wir ohne Zweifel. Zum einen durch das internationale, hochkarätige Ausstellungsprogramm, zum anderen durch die Sammlungstätigkeit von Susanne Gaensheimer. Sie hat nicht nur einen Ankaufsetat von zwei Millionen Euro im Jahr gesichert, um den uns viele Museen beneiden; sie hat vor allem durch ihre kluge und wegweisende Ankaufspolitik über die letzten acht Jahre hinweg den Anteil nicht männlicher und nicht europäischer Künstler und Künstlerinnen beträchtlich gesteigert – und damit Maßstäbe für andere Häuser gesetzt.
KOLJA REICHERT studierte Philosophie und Neuere Deutsche Literatur an der Freien Universität Berlin. Ab 2006 publizierte er in renommierten Medien; zwischen 2016 und 2017 verantwortete er die Kunstberichterstattung der »Frankfurter Allgemeinen Zeitung«, anschließend bis 2020 die der »Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung«. Von 2021 bis 2023 war er Kurator für Diskurs an der Bundeskunsthalle in Bonn. Seit 2024 ist Kolja Reichert leitender Kurator am K21 der Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen in Düsseldorf. 2012 erhielt er den Preis für Kunstkritik der deutschen Kunstvereine und der Art Cologne. 2018 verlieh ihm die Berliner Akademie der Künste den Will-Grohmann-Preis.
TEXT: Dirk Boll
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