Europäer baden, um sich zu reinigen – Japaner reinigen sich, um zu baden. Daran und an alkoholischen Getränken mit heilender Wirkung wird klar, dass Retox und Detox hier eine Wissenschaft für sich sind. Doch gerade in Tokio, wo Tradition und Moderne so nah beieinanderliegen, lohnt es sich, neue Empfindungen zuzulassen.
Kaum eine Kreuzung hat es je zu Weltruhm gebracht, aber die fünf Zebrastreifen in Shibuya, einem der geschäftigsten Viertel Tokios, sind nicht erst seit dem Film „Lost in Translation“ zum Sinnbild einer hektischen, lauten und unübersichtlichen Welt geworden. Zu Spitzenzeiten überqueren hier 3.000 Menschen die Straße – gleichzeitig. Dabei liegt keine Viertelstunde entfernt eine der Oasen der Ruhe dieser Zehnmillionenstadt: der Meiji-Schrein, umgeben von einem Wald aus mehr als hunderttausend Bäumen. Hier, unter dem grünen Baldachin, kann der Körper in Ruhe entschleunigen. Shinrin-yoku, das sogenannte Waldbaden, ist in Japan eine anerkannte Therapie: Die heilende Wirkung soll seelische Leiden wie Depressionen lindern, den Blutdruck senken und das Immunsystem stärken.
Die richtige Atemtechnik üben
Die richtige Atemtechnik hierfür lernt man im Hotel Hoshinoya, hoch über den Dächern des Finanzdistrikts Otemachi. Die außerhalb Japans kaum bekannte Hotelkette wurde 1904 gegründet und war damals noch ein Forstbetrieb. Mittlerweile betreibt sie Wellness-Resorts im ganzen Land, mit Schwerpunkt auf Kultur und Tradition. Das Hoshinoya Tokio ist einem Ryokan nachempfunden, einer alten japanischen Herberge. Die Zimmer sind mit Tatami-Matten ausgestaltet, im Restaurant wird saisonale Küche serviert. Es gibt sogar eine Art Onsen, dessen Wasser aus heißen Quellen 1.500 Meter unter der Erde bis ins 17. Stockwerk gepumpt wird. Ganz neu ist das „Deep-breathing Regimen“, ein dreitägiges Spa-Programm, das Geist und Körper durch Atemübungen, Duftmischungen, Spa-Behandlungen, Mahlzeiten und Onsen-Bäder in die Balance bringen und damit zu einem ausgeglicheneren und gesünderen Leben verhelfen soll. Die langsame, tiefe Atmung stimuliert das parasympathische Nervensystem, was die Durchblutung verbessert, die Muskeln und so auch den Körper entspannt. Alternativ ist auch der zweitägige „Edo Beauty Stay“ eine Option, auf dessen Programm nicht nur Spa-Treatments stehen, sondern auch das Üben „graziler Handbewegungen“.
Erstklassige Treatments und eine außergewöhnliche Meditationsart
Wer dem Trubel Tokios entfliehen will, muss also nicht raus aufs Land. Das Trunk (House) im früheren Ausgehviertel Kagurazaka etwa ist eine der aufregendsten neuen Adressen der Stadt. Ein stilles Refugium, das Ausländer und Edokko – also waschechte Tokioter – gleichermaßen verführt. Wo einst Geishas ihre Künste darboten, können sich heute bis zu vier Gäste einbuchen, die von Privatköchen und Butlern umsorgt werden. Teezeremonie und eigene Karaoke-Bar inklusive. Hinter einer typisch japanischen Hinoki-Badewanne aus Zypressenholz ziert die Landschaftsmalerei eines zeitgenössischen Ukiyo-e-Malers die Wand. Eine Hommage an die öffentlichen Bäder, die früher in jeder Stadt Japans zu finden waren. Traditionelle Onsen gibt es heute zwar immer seltener in der Stadt (gut zu wissen: Tattoos sind dort tabu!), dafür bieten viele Hotels ihre Signature Treatments in erstklassigen Spas hoch über den Dächern Tokios an, oft mit Blick auf den Mount Fuji. Das Park Hyatt zum Beispiel verspricht im 47. Stock mit „Tokyo Face“ eine charakteristische Gesichtsbehandlung aus östlichen und westlichen Massagetechniken, bei der heiße und kalte Steine verwendet werden, um Verspannungen und Müdigkeit zu lösen. Am Boden locken weit unorthodoxere Behandlungsmethoden. Wer bereit ist, die Sprachbarriere mittels Händen und Füßen zu überwinden, kann in der Schönheitsklinik Chiryoin „Otonamaki“ probieren: eine Meditationsart, bei der der Körper wie eine Raupe in ein dehnbares Tuch gesteckt und in Embryonalstellung hin- und hergerollt wird. Diese Art der Wiedergeburt soll Schulter- und Nackenproblemen entgegenwirken, aber auch gegen Schlaflosigkeit helfen. Eine vorherige Reservierung ist unbedingt erforderlich. Das gilt auch für die Facials im Spa Hinoki, bei denen nach traditioneller Art die Kopfhaut gleich mit gereinigt wird – soll Kopfhautgeruch vorbeugen, die Durchblutung fördern und Haarausfall lindern.
Japanische Tapas in Sterne-Qualität
Etwas konventioneller geht es im Shiseido The Store in Ginza zu, der einzigen Dependance des fast 150 Jahre alten Kosmetikherstellers, in der auch Treatments angeboten werden. Dabei analysieren Spezialisten die Haut mit Hightech-Instrumenten, um ein auf den Hauttyp abgestimmtes Pflegeregiment zusammenzustellen. Je nach zeitlicher Flexibilität bieten sich entweder eine entspannte therapeutische Massage an oder vielleicht nur 15 Minuten an der „Beauty Boost Bar“, an der sich Augenbrauen, abstehende Haare und kleine Unreinheiten zähmen lassen. Spätestens danach hat man die besten Voraussetzungen, um nach den Sternen zu greifen oder, präziser gesagt, nach den mehr als 300 Michelin-Sternen. Keine Stadt hat mehr Spitzenrestaurants als Tokio. Das Beste: Dem Genuss kann man hier ganz unbesorgt frönen, denn ihr hohes Alter haben Japaner nicht nur guten Genen und guter Pflege zu verdanken, sondern vor allem gesunder Ernährung. Viel Fisch, Seafood, Vollkorn und Tofu. Ein Best-of der japanischen Küche bietet die mit einem Stern ausgezeichnete Tapas Molecular Bar im Mandarin Oriental, die einem kleinen Kreis von nur acht Gästen vorenthalten ist. Im traditionellen Stil einer Sushi-Bar werden japanische Spezialitäten in molekularer Form zelebriert, was zu spannenden neuen Texturen und Geschmackskombinationen führt.
Detox als Retox
Für den Absacker bietet sich eine der ausgezeichneten Whisky- oder Sake-Bars an, auch für Naturweinliebhaber ist Tokio ein Paradies. Speziell nach einem Detox-Programm lohnt sich ein Besuch der Yakusyu Bar im Stadtteil Sangenjaya. Dort wird gleich zu Beginn gefragt, wo denn der Schuh drückt: gesundheitliche Probleme? Stress? Gereizte Haut? Müde Augen? Zur Linderung stehen Shochu-Karaffen bereit, die von Holunderblüten bis Aal mit allen möglichen Hausmittelchen gefüllt sind. Elixiere wie diese erfreuen sich in Tokio großer Beliebtheit. Sie sollen gegen Schlaflosigkeit, matten Teint und nachlassende Energielevel helfen. Zu den Dutzenden Bars, die den medizinischen Schnaps names Yakushu anbieten, zählt auch das Ben Fiddich, eine der besten Bars der Welt. 30 bis 40 Sorten gibt es hier – die meisten davon aus Pflanzen, die auf der Familienfarm des Besitzers Hiroyasu Kayama in Chichibu angebaut werden. Mit dem Habitus eines Maestros, der den Orchestergraben betritt, nimmt er mit seinem cremefarbenen Anzug und den zurückgekämmten Haaren seinen Platz vor einem Stillleben aus Yuzu- und Jujube-Früchten ein, um Kräutern und Gewürzen mit Mörser und Stößel einzupeitschen. Stammgäste machen sich gar nicht erst die Mühe, nach einer Karte zu fragen, da alle Drinks der Fantasie Kayamas entspringen. Whisky, Gin, Absinth und Amaro bilden die Grundlage seiner botanischen Aufgüsse, die Kunst und Wissenschaft zugleich sind, und – so genau weiß man das nicht – vielleicht früher schon als Medizin verabreicht wurden. In Tokio haben also mitunter selbst alkoholische Getränke heilende Wirkung. Retox als Detox – daran kann man sich gewöhnen.