Tendenzen der modernen Esskultur: Interview mit einer Oecotrophologin - séduction Magazin Germany
Ernährungstipps

Tendenzen der modernen Esskultur: Interview mit einer Oecotrophologin

Von Pia Scheiblhuber 25/07/2020
Credit: Stocksy

Unser Essverhalten ist zutiefst von der Kultur und der sozialen Gruppe, in der wir aufwachsen und leben, geprägt. Im séduction-Interview erklärt Oecothrophologin Prof. Dr. Christine Brombach, was die moderne Essgesellschaft ausmacht und welche Trends sich in Sachen Ernährung und Esskultur ausmachen lassen.

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Es ist ein biologisches Bedürfnis aber ebenso ein soziales Ereignis, es taktet unseren Alltag und ist für viele Ausdruck absoluter Lebensfreude: Essen ist ein vielschichtiges Thema, das uns unser ganzes Leben lang beschäftigt.

Im Interview erklärt Oecotrophologin Prof. Dr. Christine Brombach, welche kulturellen und gesellschaftlichen Faktoren unser Essverhalten beeinflussen, inwiefern die Informationsflut und das Wissen über Ernährungsstile der Ritualisierung des Essens entgegengesetzt sind und wie sich die Corona-Krise auf das Essverhalten auswirkt. Die Ernährungswissenschaftlerin, die an der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften im Bereich der Lebensmitteltechnologie lehrt und forscht, zeigt auch zukünftige Trends auf.

Worum genau geht es in der Ernährungssoziologie?

Der Begriff der Ernährungssoziologie ist ein relativ junger Begriff im Bereich der Sozialwissenschaften und der Soziologie. In der Ernährungssoziologie geht es darum, zu erforschen, was die sozialen Verhältnisse sind, in denen wir leben und die den Umgang mit Essen und die Gestaltung des Essensalltags beeinflussen. Sie beschäftigt sich also mit den Wechselwirkungen zwischen der Gesellschaft, der Kultur und den einzelnen Gesellschaftsmitgliedern und ihrem Ernährungsverhalten. Eigentlich müsste in diesem Zusammenhang strenggenommen von Ess- und Ernährungssoziologie die Rede sein. Denn Essen und Ernährung sind zwei verschiedene Blickrichtungen auf das gleiche Geschehen, das einerseits zutiefst biologisch, andererseits stark sozial geprägt ist. Nährstoffzufuhr und Nahrungsaufnahme auf der einen und das soziale Ereignis des Speisens auf der anderen Seite verhalten sich zueinander wie Kopf und Zahl einer Münze.

Durch welche Charakteristiken zeichnet sich nun die moderne Essgesellschaft aus?

Die moderne Ernährungsweise ist beeinflusst vom Zeitalter der Transformation, in dem wir uns befinden: Es finden viele soziale Veränderungen statt, wie zum Beispiel der demographische Wandel. Doch nicht nur die Altersstruktur verändert sich, sondern auch die Lebensweise: Wir leben überwiegend in städtischen Zentren, wir sind in Europa keine Selbstversorger mehr, wir sind darauf angewiesen, dass es Lebensmittel am Markt gibt. Unsere Welt ist von globalen Warenflüssen, von einer allgemeinen Internationalisierung und Digitalisierung geprägt. All diese Veränderungen stellen uns vor Herausforderungen: Wie können wir als Weltgemeinschaft überleben? Wie schaffen wir es, in den planetaren Grenzen auch zukünftig genügend Nahrung zu produzieren? Das sind keine neuen Fragen, aber unter anderem durch die „Fridays for Future“-Bewegung ist dieses Thema gerade jetzt hochaktuell. Und vor allem wurde in der Corona-Krise deutlich, wie stark wir global vernetzt und auch voneinander abhängig sind.

Neben diesem politischen und gesellschaftlichen Kontext beeinflussen uns aber vor allem Mitmenschen und die Familie. Wie sehr prägen sie unser Essverhalten?

Natürlich sehr! Wir werden ja als instinktarme Wesen geboren und sind darauf angewiesen, von unserer sozialen Umgebung zu lernen, was essbar ist und was nicht, wie wir mit Lebensmitteln umzugehen haben, welche Sitten am Tisch gelten, mit welchen Gerätschaften wir das Essen zu uns nehmen. Alles das eignen wir uns entsprechend den Konventionen der Sozialgruppe, in die wir hineingeboren werden, nach und nach an. Hinzu kommt, dass nichts stärker sozialisierend ist das das gemeinsame Essen.

Dieses erlernte Essverhalten wird aber auch von anderen Kulturen beeinflusst.

Durch die Globalisierung, die Digitalisierung und diverse Reiseerfahrungen erhalten wir immer schneller und einfacher immer mehr Informationen über fremde Esskulturen. So haben wir kaum mehr eine Esskultur, die unberührt wäre von einer anderen. Denn wir leben nicht auf einer Robinson Crusoe-Insel. Wir sind mittlerweile so stark aufeinander angewiesen, dass unterschiedliche Kulturen in ständigem Austausch sind und voneinander lernen. Das spiegelt sich in den Esskulturen wider, die sich gegenseitig befruchten. Dieses Phänomen kann man auch bildlich beschreiben: Der Teller ist rund und da findet sich unsere Welt wieder, die wir täglich durch unsere Nahrungszufuhr beeinflussen.

Bergen die vielen Informationen, die nun so einfach zugänglich sind, nicht auch eine Gefahr?

Diese Informationsflut hat tatsächlich eine schizophrene Entwicklung ausgelöst. Wir hatten noch nie so viel frei zugängliche Informationen. Aber das verunsichert uns, denn man fragt sich: Was soll ich überhaupt noch essen? Durch diesen Informationsüberfluss wünscht man sich Klarheit, Übersichtlichkeit und Orientierung. Und hier kommen zum Beispiel Social Media ins Spiel. Denn Influencer vermitteln den Eindruck, als könnten sie genau das bieten: Orientierung. Aber Social Influencer sind keine Wissenschaftler. Und Wissen allein verändert noch kein Verhalten, vermittelt noch keine praktische Kompetenz. Wir haben im Deutschen eine Differenzierung zwischen etwas „Kennen“ und „Können“. Neue Kenntnisse in Können umzusetzen ist vor allem beim Essen schwierig, da die Nahrungsaufnahme im Alltag ritualisiert und routiniert ist. Wir essen jeden Tag mehrere Mahlzeiten. Dadurch zählt Essen zu den Routinen, die uns helfen, den Alltag zu strukturieren. Wir brauchen das. Doch erschwert dies auch, neues Wissen umzusetzen, da wir bereits eine funktionierende Routine entwickelt haben.

Dieses ritualisierte Verhalten bei der Nahrungsaufnahme wurde jetzt in der Corona-Krise gewissermaßen durchbrochen. Welchen Einfluss hatte diese Situation auf das Essverhalten?

Es gibt Studien, die klar zeigen, dass mehr Menschen öfter selbst ihre Mahlzeiten selbst kochten, weil die Zeit da war und weil es keine Außer-Haus-Verpflegung gab. In den letzten Monaten beschäftigte viele Menschen verstärkt die Frage, wo ihre Lebensmittel herkommen und wie sie verarbeitet werden. Ein wichtiger Aspekt war das gemeinsame Essen, das wieder einen höheren Stellenwert einnahm und eine Art Taktgeber des Tages war. All das sind Entwicklungen, die jetzt in der Krise erfolgt sind. Aber ob und inwieweit diese andauern werden, das wird sich erst zeigen. Ich glaube schon, dass diese Erfahrung, die für uns alle einschneidend waren und uns gezeigt haben, wie schnell unsere Systeme brüchig werden können, als Schockerfahrung tief unter die Haut ging. Aber wir tendieren auch dazu, dass wir Unangenehmes verdrängen und schnell wieder zur Normalität zurückzukehren möchten. Deshalb gehe ich davon aus, dass wir schneller als uns allen lieb ist wieder zu alten Gewohnheiten zurückkommen.

Welche Trends lassen sich im Allgemeinen für die Zukunft ausmachen?

In Deutschland haben wir verschiedene Trends. Menschen wählen immer mehr saisonales, regionales und möglichst wenig verarbeitetes Essen. Der Trend geht weg von der großen Mittagsmahlzeit hin zu einer gekochten Abendmahlzeit. Außerdem sind zwei gegensätzliche Tendenzen auffällig: Zum einen die Nachfrage nach Convenience- und To go-Produkten, zum anderen der Trend des Selberkochens und des Kochens als Hobby. Zudem werden bestimmte Lebensmittelgruppen immer beliebter wie pflanzliche Eiweiße (also Soja, Bohnen, Erbsen, Linsen, Nüsse), Fleisch- und Milchalternativen aber auch frische To go-Produkte in Bioqualität. Diese Trends veranschaulichen inwiefern die Taktung unseres Alltags unsere Anforderungen an das Essen beeinflussen. Zugleich wird aber durch die Besinnung auf regionale und saisonale Produkte ein drängendes Bedürfnis deutlich: der Wunsch nach Authentizität, Individualisierung und Autonomie.