KOLUMNEN

(Fast) alles Natur

Von Regina Stahl 01/02/2020
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Falsche Wimpern, doppelt geschwänzte Lidstriche und Yves-Klein-blaue Mascara – Regina Stahl hat alles mitgemacht und ist zu dem Entschluss gekommen, dass man der Natur nur bedingt ins Handwerk pfuschen sollte.

Wer wie ich zu Beginn des sogenannten Wirtschaftswunders aufgewachsen ist, lernte schon in jungen Jahren, dass sich Glamour nicht nur durch elegante Kleider, hochhackige Pumps (so nannte man damals High Heels) und kunstvolle Hochsteckfrisuren definierte, sondern dass auch ein äußerst sorgfältig geschminktes Gesicht dazugehörte. Wie meine Klassenkameradinnen sammelte ich Postkarten mit Porträts von Schauspielerinnen und träumte davon, endlich erwachsen zu sein, um irgendwann mal das formvollendete Dekolleté mit einem expressiven Make-up à la Sophia Loren, Audrey Hepburn oder wenigstens Hildegard Knef zu krönen. Kaum hatte ich die „Teens“ erreicht – ich glaube, ich war damals 14 oder 15 und zur Tanzstunde angemeldet –, begann ich, in einem Zimmer mit heimlich vom Taschengeld gekauften Tools zu experimentieren. Mithilfe des Lidstrichs wurden Augen zu Rehaugen, doch der Weg dahin war nicht so einfach, wie die damals gern gelesenen Frauenzeitschriften wie „Constanze“ oder „Brigitte“ propagierten. Zuerst einmal stutzte ich den zur flüssigen Farbe gehörenden Pinsel um circa die Hälfte zurecht, damit der Strich nicht allzu dick ausfiel. Und ich lernte die Vorzüge eines Vergrößerungsspiegels kennen …

Meine nächste große Versuchung waren falsche Wimpern. Nie ging ich damals ohne meinen Spezialkleber aus, denn im Laufe einer durchtwisteten Nacht konnte es durchaus passieren, dass sich ein Wimpernband zu lösen begann, um wie ein Tausendfüßler Schläfen und Wangen zu erkunden. Kontrapunkt zu den stark geschminkten Augen – à la Twiggy setzte ich mir am unteren Lidrand sogar noch einzelne Wimpernbüschel ein – waren extrem helle Lippen. Um das pastelligste Rosa noch blasser zu machen, verwendete ich als Basis Penatencreme und um- randete das Ganze mit einem zum Konturstift umfunktionierten Nagelweißstift.

In den 70er-Jahren war dann Blau angesagt. Genauer gesagt Yves-Klein-blaue Mascara, die damals als Nonplusultra galt. Übrigens rührt aus dieser Zeit meine Vorliebe für wasserfeste Wimperntusche. Sogenannte Pandaringe galten schon damals als No-Go. Und so experimentierte ich munter weiter, ging sogar so weit, eine möglichst dunkle Foundation zu benutzen, um Sonnenbräune vorzutäuschen – aber wenn die Haut noch jung und straff ist, kann man sich (fast) alles erlauben. Erst als ich 1995 vom Mode- ins Beauty-Ressort der VOGUE wechselte und sozusagen Zugang zu sämtlichen „Farbtöpfen dieser Welt“ hatte, beschloss ich, mich in Zukunft in erster Linie der Basis, also der Pflege meiner Haut, zu widmen. Professionell wurde ich nicht müde, meinen Leserinnen die neuesten Trends, verbunden mit Schminktipps internationaler Experten, ans Herz beziehungsweise ins Gesicht zu legen. Mein privater Lieblings-Look hieß „Nude“, für den ich – inspiriert von Make-up-Ikone Bobbi Brown – meinen eigenen Code kreierte: Statt meine Sommersprossen mit dunkler Foun- dation abzudecken, benutzte ich eine getönte Tagescreme, deren Gebrauch ich aber nach und nach derart reduzierte, sodass ich nur noch eine normale Tagescreme (vorzugsweise von La Mer) auftrug. Ich fand meine Sommersprossen lustig und bedauerte, dass sie sich in der kalten Jahreszeit in eine Art Winterschlaf zurückzogen. Mit Bronzing Powder versuche ich heute, den Effekt eines längeren Spaziergangs in der Sonne zu erzielen. Eyeshadow verwende ich nur in „hautigen“ Nuancen. Ich möchte nicht bunt aussehen, finde es aber großartig, wenn junge Frauen hier sehr experimentierfreudig sind. War ich früher doch auch. Meine Mascara ist heute eindeutig schwarz und nach wie vor wasserfest.

So, und nun komme ich zu meinem Geständnis, das – so hoffe ich – Gleichgesinnten Mut macht: Zeit meines Lebens hatte ich eher farblose Augenbrauen, die ich mit den entsprechenden Pencils morgens vor dem 15-fachen Vergrößerungsspiegel in mühevoller Kleinarbeit nachstrichelte, Lücken mit Brauenpuder auffüllte, das ganze mit Gel fixierte. Kurz: Es war ein Akt, der mein eigentliches Fünf-Minuten-Make-up (für die Lippen meist nur ein schneller Gloss) bis zu einer halben Stunde verlängern konnte. Bis ich mich dann traute, mir für die Brauen ein Permanent-Make-up zu gönnen. Die anfängliche Angst wich einem absoluten Glücksgefühl. Morgens schaute mich ein fast fertiges Gesicht im Spiegel an. Der Rest ist wie gesagt in circa fünf Minuten erledigt. Also fast alles Natur …

Illustration: Jasmin Khezri

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